Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

08. Juli 2021, 17:00 Uhr

2319

Günter Brus*

(Ardning 1938)

„Tischbeins Stuhlgang, 30-teilig“
1980
Bleistift auf Papier; gerahmt
je 29,5 x 21 cm
Bezeichnet, signiert und datiert auf dem ersten Blatt: Tischbeins Stuhlgang Günter Brus Stuttgart 1980

Provenienz

Privatbesitz, Steiermark

Schätzpreis: € 60.000 - 120.000
Auktion ist beendet.

Günter Brus gehört neben Maria Lassnig und Franz West zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern Österreichs und seine Arbeiten haben in den letzten Jahren eine enorme Wertsteigerung erfahren. Ausgehend vom Expressionismus erfährt er große Aufmerksamkeit als Aktionist der ersten Stunde. Seit den 1970er Jahren entstehen immer wieder „Bild-Dichtungen“, in denen Brus sein außerordentliches zeichnerisches Talent mit einem unerhörten Gespür für die Sprache verbindet. „Das Zeichnen und das Schreiben beanspruchen den gleichen Stellenwert in meiner Arbeit. Dies war auch schon während der Zeit des Aktionismus der Fall… Mit meinen ‚Bild-Dichtungen‘ gelang es mir, beide Disziplinen zu einer Einheit zu verschmelzen,“ so der Künstler (Günter Brus. Werkumkreisungen, Ausstellungskatalog, Albertina, Wien; Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz; Kunsthaus Zug; Galleria d’Arte Moderna di Bologna, 2003/2005, S. 218).

In zahllosen Blättern verbinden sich Gezeichnetes und Geschriebenes, inhaltlich und formal zu einer Einheit, werden so zu vieldeutigen Metaphern. Dabei stellt Günter Brus Fragen über das Leben an sich, nach dem Sinn unseres Daseins, formuliert pointiert Kritik an unserer Gesellschaft und vermischt Wirklichkeiten mit Fiktivem. In schöner Schreibschrift liefert er mit skurrilem Galgenhumor, voll herzerfrischender Ironie eine bitterböse Analyse des Zustands der Menschheit. In „Tischbein’s Stuhlgang“ von 1980, steht der Tisch als einfaches Symbol stellvertretend für so Einiges. Man sitzt, liegt, steht auf und an ihm, er übernimmt aber auch Stellvertreterfunktion, wird selbst zum Lebewesen mit Bedürfnissen und Makeln. In kurzen Sätzen gelingt es dem Künstler die verschiedensten substanziellen Bereiche anzuschneiden. „Spielst Du Billard mit der Welt so denke nach, ob die angespielte Kugel nicht etwa auf Deine Erben fällt“ steht da etwa oder: „Das Tischbein warf einen Schatten. Das störte den Ehegatten. Und er machte aus seiner Gemahlin Kleinholz. Die Zeitung schrieb: Er schwang sein Beil aus Langeweil.“ Nicht erst im 21. Jahrhundert erschreckend aktuelle Themen. Ein Stuhl kann als Begleiter des Tisches schwul sein und als guter Christ lädt man schon einmal ein Kreuz zum Essen ein. Die sich daraus ergebenden skurrilen Bildschöpfungen werden von absurden Reimen begleitet. So schmeckt der „Tafelspitz“ am besten „auf dem Nashornspitz“ und statt zu „parlieren im Parlament. Zu Hause verblöden, ist der neue Trend!“.

Auch in den „Bild-Dichtungen“, wie schon in den Aktionen der 1960er Jahre, breitet Günter Brus sein ganzes Inneres vor uns aus, exponiert sich schutzlos bis zur Selbstaufgabe und Selbstauflösung. „Die Hand wird als Erweiterung des Auges und der Bleistift als Prothese des Körpers begriffen“ (Günter Brus. Die Einsamkeit des Spätklassikers, Ausstellungskatalog, W&K Palais Schönborn-Batthyány, Wien 2019, S. 24), mittels derer die ganze Zerrissenheit des Künstlerlebens zu Papier gebracht wird. Zugleich offenbart sich aber auch der „scharfsichtige Beobachter, der reflektierte Denker und der pointierte Sprachkünstler“ (s.o., S. 26).

(Sophie Cieslar)