Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

08. Juli 2021, 17:00 Uhr

2336

Hans Staudacher*

(St. Urban 1923 - 2021 Wien)

„Fahrt ins Blaue“
1986-89
Öl auf Leinwand; ungerahmt
130 x 240 cm
Signiert links unten: H. Staudacher
Rückseitig auf Keilrahmen bezeichnet: Hans Staudacher, Pressgasse 7/24 "FAHRT INS BLAUE" "gemalt in der Davidgasse, 1986-1989"

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

Schätzpreis: € 25.000 - 45.000
Ergebnis: € 25.000
Auktion ist beendet.

Hans Staudachers Handschrift ist gekennzeichnet von Gestik, Motorik und Geschwindigkeit. Malerei bedeutet für Staudacher Aktion: der Rhythmus der Hand und die Bewegung des Körpers bestimmen den Malprozess. Sein künstlerisches Credo formulierte er 1960 in einem Manifest, in dem er einleitend schreibt: „abstrakte kunst ist handschrift, farbe, tanz, spiel, zeichen, einfall, rede, wort, überfluß, bewegung, geschwindigkeit“. (Hans Staudacher, zitiert in: Ernst Hilger (Hg.), Hans Staudacher. Die Kraft der 50er Wien Paris, Wien 1997, S. 11) Das vorliegende Bild ist ein besonders charakteristisches Beispiel für diesen Grundsatz.

Das langgezogene Querformat, der blaue Bildgrund sowie dessen transparente und offene Malweise vermitteln Weite und lassen Räumlichkeit entstehen. Durch die Freilassungen im Hintergrund wird eine Öffnung auf eine weitere Ebene, auf ein Dahinter, suggeriert. Der so entwickelte Bildraum wird von gestischen Zeichen überlagert, die formale und kompositorische Verbindungen zueinander aufnehmen. Auf stellenweise Verdichtungen und Zusammenballungen der einzelnen Elemente folgen deren Zerstreuung und Vereinzelung in anderen Bereichen. Linien, Striche, Kringel, Punkte und Flecken scheinen von einer Bewegung erfasst zu sein und sich gegenseitig in Schwingung zu versetzen. Sie tanzen förmlich über das Bild und lassen in ihrem Rhythmus die Körperbewegungen des Künstlers während des Malens deutlich spürbar werden. Es entsteht die für Staudacher so charakteristische Dynamik und Spannung im Bild.

Eine besondere Eigenart Staudachers innerhalb der informellen Richtung ist die Einbeziehung von Schrift und Text in die bildnerische Gestaltung. Einzelne Buchstaben und Zahlen sind ebenso Teil seiner Formensprache wie konkrete Wörter oder Texte. In diesem Fall werden sexuell konnotierte Wortteile und Wörter, dem Rhythmus des Bildes folgend, über die Bildfläche verteilt und ergeben so ein Spiel mit Doppeldeutigkeiten.

Staudachers gestische Abstraktion orientiert sich stets an den Erfahrungen der Wirklichkeit. Die malerische Umsetzung der Eindrücke und Empfindungen wird von Spontaneität und Schnelligkeit bestimmt, das Ergebnis ist trotz dieser Vorgangsweise jedoch immer das Resultat einer bewussten Bildgestaltung. Der Künstler hat diesen Malprozess folgendermaßen beschrieben: „Bei mir ergibt eine Gestik, ein Zeichen das Nächste, dieses kann alles wieder zerstören, dann brauche ich wieder ein Auflösungszeichen, aber es geht so spontan, ich kann es nicht erklären.“ (Hans Staudacher, zitiert in: Ernst Hilger (Hg.), Hans Staudacher. Die Kraft der 50er Wien Paris, Wien 1997, S. 58)

(Birgitta Kager)