Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

17. Dezember 2020, 17:00 Uhr

1882

Andy Warhol*

(Pittsburgh 1928 - 1987 New York)

„Mao“
1972
Farbsiebdruck; gerahmt
91,5 x 91,5 cm (Blattmaß)
Rückseitig signiert: Andy Warhol
(Anfangsbuchstaben nicht leserlich aufgrund von Papierabrieb)
Auflage: 250, 50 AP und einige PPs signiert und nicht nummeriert.
Printer: Styria Studio, Inc., New York,
Publisher: Castelli Graphics and Multiples, Inc., New York.

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

Literatur

Vgl. Frayda Feldman, Jörg Schellmann, Andy Warhol Prints. A catalogue raisonné 1962-1987, München 1989, S. 54-55, Abb. 96.

€ 20.000

1962 richtete sich Andy Warhol in New York sein Atelier, die „Factory“, ein. Im Siebdruckverfahren produzierte er Bilder nach Foto-Vorlagen, vorerst von gewöhnlichen Alltagsgegenständen, die er dadurch zu Ikonen hochstilisierte, um die Konsum- und Massenkultur seiner Zeit zu thematisieren. Gleichzeitig drückte er so aber auch seine Faszination von der (Massen-)Reproduzierbarkeit aus, die dem Kapitalismus zugrunde liegt.

In den 1970er Jahren entstanden zahlreiche Porträts berühmter Persönlichkeiten wie das von Mao Tse-tung, in dem Warhol die amerikanische Popkultur chinesisch-kommunistischer Propaganda entgegensetzt. Warhol, der sich als äußerst strategischer Künstler erwies, entschied sich erst nach eingehenden Überlegungen für Mao als Motiv: ein Freund brachte ihn auf die Idee, die wichtigste Persönlichkeit der Welt zu portraitieren und schlug erst Albert Einstein vor. Stattdessen gab Warhol Mao den Vorzug, welcher kurz zuvor vom Life Magazin zur bekanntesten Person der Welt gekürt worden war. Der Zeitpunkt der Entstehung des Porträts fällt außerdem mit dem historischen Staatsbesuches Präsident Nixons in Peking zusammen, der medial hohe Wellen schlug. Mao war zu diesem Zeitpunkt bereits eine Ikone – sein offizielles Porträt, das auch Warhol für seine Bilder verwendete, war praktisch überall in China zu sehen. Nach wie vor hängt dieses prominent platziert am Tor des himmlischen Friedens, obwohl der Politiker mittlerweile für den Tod von geschätzt 40-80 Millionen Menschen verantwortlich gemacht wird. Der westlichen Welt war das Bild vor allem durch die sogenannte „Mao-Bibel“ bekannt, die weltweit über eine Milliarde Mal gedruckt wurde und eben diese Porträt–Fotografie enthält.

Ob sich Warhol für Mao entschied, weil ihn die Bedrohung, die von diesem Mann ausging, beeindruckte oder weil er ihn schlicht und einfach parodieren wollte, bleibt offen. Möglicherweise spielte sogar beides eine Rolle. Die Parallele zwischen westlicher Besessenheit medialer Berühmtheiten zur Massenhysterie und Anhängerschaft, gegenübergestellt mit den politischen Führer-Figuren des Ostens, ist ein Aspekt, den Warhol sicher interessierte. Die händischen Kritzeleien als Ausdruck von Individualität und künstlerischer Freiheit sind darauf wohl eine Anspielung - waren diese ja unter Maos Kulturrevolution nicht erwünscht bzw. gar verboten. Warhol war fasziniert vom Ruhm und seinen Auswirkungen, aber auch vom Phänomen, wie sich die Kreativität und Faszination eines Bildes durch seine häufige Wiederholung bzw. Reproduktion in eine stumpfe Banalität verkehrt.
Nebenbei war sich der Künstler sehr wohl der finanziellen Vorteile bewusst, die eine Serie von Kunstwerken mit einem derart populären Motiv bringen würde – schließlich produzierte Warhol innerhalb eines Jahres 199 Bilder von Mao. Er behielt Recht – heute sind seine Mao-Bilder in den berühmtesten Museen und Sammlungen sowie millionenfach reproduziert auf Plakaten, T-Shirts und Kunstdrucken zu finden.

(Ina Waldstein)