Auktionshaus

Auktion: Jugendstil & Design

16. Dezember 2020, 18:00 Uhr

1063

Koloman Moser

(1868, Wien - 1918, Wien)

„Vase“
Kunstgewerbeschule, Wien, 1900
Keramik, weißer Scherben, eingeprägtes und eingeschnittenes Muster, blau und grün glasiert
H. 14,5 cm

Provenienz

aus dem Besitz Familie Fritz Wärndorfer;
danach Privatbesitz U.S.A.;
seit 1985 Privatbesitz Großbritannien

Literatur

Witt-Dörring (Hg.), Koloman Moser. Designing Modern Vienna 1897-1907, München, London, New York 2013, Abb. S. 252-54

€ 46.000

Im Frühjahr 1899 ist Koloman Moser ein Posten als Lehrer für Malerei an der Kunstgewerbeschule des österreichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien in Aussicht gestellt worden. Diesem Angebot lag die Erwartung des Leiters der Kunstgewerbeschule zugrunde, dass Moser seine Schüler sowohl in dem (Haupt)Fach Malerei, als auch im Entwerfen und Schaffen von kunstgewerblichen Gegenständen ausbilden werde. Moser hat die in ihn gesetzten Erwartungen vollauf erfüllt: Der von ihm festgelegte Lehrstoff seiner Klasse umfasste, ganz den Prinzipien des Gesamtkunstwerks und daher auch der Gleichwertigkeit aller Kunstgattungen verpflichtet, Malerei, andere Formen von bildender Kunst sowie mannigfaltige Arten des Kunstgewerbes. Seine Schüler sollten nicht mehr, wie bis dahin üblich, nur im Nach- und Abzeichnen von Vorbildern unterrichtet werden, sie sollten Neues entwerfen und diese neuen Entwürfe womöglich auch eigenhändig ausführen. Um diese frühe Form des „learning by doing“ bei der Herstellung von Keramikobjekten realisieren zu können, richtete die Kunstgewerbeschule sogar eine eigene Töpferwerkstätte ein; und sie arbeitete mit einigen Wiener Unternehmen, die ihre Betriebe in räumlicher Nähe zu der Kunstgewerbeschule hatten, zusammen: Etwa mit den Manufakturen Förster (Wien III, Landstraßer Hauptstraße 27) und Josef Böck (Wien IV, Wiedner Hauptstraße 25-27).
Gleich nach seiner Bestellung hat Kolo Moser erste Entwürfe für Keramikobjekte geschaffen und dabei von ihm in den Jahren zuvor entwickelte Flächendekore auf sphärische Objekte umgelegt. (Abbildung) Seine Entwürfe für keramische Gefäße – bezeichnet hat er sie selbst durchwegs als „Thonwaren“ und „Blumenvasen aus gebranntem Thon“ – veranschaulichen die geniale Fähigkeit des Künstlers, seine bis dahin nur bei grafischen Arbeiten gezeigten Talente auch bei dreidimensionalen Kunstwerken zu beweisen. Die nach seinen Entwürfen ausgeführten Stücke waren nicht signiert, wir können sie dennoch als eindeutige Arbeiten Mosers aus fünf Fotografien identifizieren, die aus dem Nachlass des Künstlers stammen. Sie zeigen 18 entweder von der Fabrik Josef Böck oder in den Räumen der Kunstgewerbeschule selbst ausgeführte Vasen, die allesamt geritzte Dekore und/oder einfache Einprägungen aufweisen, durch die Moser eine materialgerechte Be- und Verarbeitung veranschaulichen wollte. Die Formen sind allesamt einfach, sie zeigen uns, dass der Künstler sich das Material Ton eben erst erschlossen hat und dass auch der Umgang mit Raumkörpern und deren Dekoration für ihn etwas Neues gewesen ist.
Mit diesen bewusst simplen Formen und Dekoren wollte Moser Zweierlei beweisen: Zum einen, dass seine Schüler, wenn ihnen nur das notwendige Selbstvertrauen anerzogen wird, solche Kunstwerke selbst schaffen können. Zum anderen, dass Schüler der Klasse Malerei der Kunstgewerbeschule der Idee des Gesamtkunstwerkes verpflichtet sind und daher auch Blumenvasen aus Ton entwerfen und herstellen können sollten. Ihr Lehrer Moser wollte dabei mit gutem Beispiel vorangehen: An der Erzeugung der von ihm entworfenen Gefäße hat er sicher selbst mitgewirkt. Viel spricht dafür, dass er zwar die Rohlinge von einem professionellen Töpfer herstellen hat lassen, dass er aber alle restlichen Arbeiten, also das Einprägen und Einschneiden des Oberflächendekors und das Glasieren der Oberflächen, selbst ausgeführt hat.
Unklar ist, ob die Entwürfe mehrmals ausgeführt worden sind oder ob es sich um Unikate handelt. Wahrscheinlicher ist Letzteres, weil bis heute bloß fünf der auf der Fotografie abgebildeten Gefäße aufgetaucht sind, jedes nur ein einziges Mal.
Unsere Vase ist also ein kunst- und kulturhistorisches Dokument von großer Bedeutung; sie steht am Anfang des von der Kunstgewerbeschule Wien ausgehenden „Wien um 1900“-Kunststils und ist von größter Rarität. (EP)