Auktionshaus

Auktion: Alte Meister

15. Dezember 2020, 15:00 Uhr

0057

Lavinia Fontana

(1552, Bologna - 1614, Rom)

„Darbringung im Tempel“
um oder vor 1583
Öl auf Leinwand
143 × 103 cm
Rechts unten bezeichnet mit Buchstaben „A“

Provenienz

Sammlung der Earls of Harrowby, England (als Ventura Salimbeni);
Versteigerung Sotheby’s London, 29. November 1961, Lot 31 (als Lavinia Fontana);
Versteigerung Christie’s London, 15. Dezember 1983, Lot 88 (als Lavinia Fontana);
seit den 1980er Jahren europäische Privatsammlung

Literatur

Maria Theresa Cantaro, Lavinia Fontana bolognese „pittora singolare“, Mailand/ Rom 1989, S. 116, Nr. 41 (als Lavinia Fontana);
J. Winkelmann, in: Graziano Manni (Hg.)/Emilio Negro (Hg.)/Massimo Pirondini (Hg.), Arte emiliana. Dalle raccolte storice al nuovo collezionismo, Modena 1989, S. 45, Nr. 23 (als Prospero Fontana)

Expertise von Daniele Benati, Bologna, 4. Mai 2015, liegt bei.
Wir danken Maria Theresa Cantaro für die Bestätigung des Gemäldes als Werk Lavinia Fontanas (anhand von professionellen Fotos).

€ 50.000

Sind weibliche Künstlerinnen per se in der altmeisterlichen Kunst schon als rare Einzelfälle zu sehen, gilt gerade die Malerin Lavinia Fontana als wahres Ausnahmetalent. Sie ist eine der ersten Malerinnen, die sich unabhängig behaupten konnten, und stellte der Überlieferung nach auch als erste Frau eine weibliche Aktszene dar. Als eine der berühmtesten bologneser Malerinnen, spezialisiert auf Figurenszenen und später Porträts, wurde sie schon zu Lebzeiten gefeiert. Der Erfolg Lavinia Fontanas basierte auch auf der hochkarätigen Ausbildung durch ihren Vater Prospero Fontana (1512-1597), der selbst in Vasaris Atelier arbeitete und einer der frühen Vertreter der Bologneser Schule war.

So ist auch die „Darbringung im Tempel“ aus der Frühzeit Lavinia Fontanas stark durch den Vater beeinflusst. Wie Daniele Benati jedoch in seinem Gutachten aufzeigt, ist es genau der Vergleich zu einer 1562 entstandenen Freskokomposition desselben Sujets von Prospero Fontana für die Farnese-Kapelle im Palazzo Comunale in Bologna, welcher den bereits vorhandenen eigenen Stil Lavinias in vorliegendem Gemälde verdeutlicht.
Bereits im 18. Jahrhundert berichtet der Schriftsteller Macrello Oretti von der Ausführung desselben Themas von Lavinia Fontana in einem 1583 datierten Gemälde für die Kirche „Badia di Bologna“, welches sich heute im Museum „A. Vivenel“ in Compiègne (Inv.-Nr. 1994.01.01) befindet (vgl. Notizie de’Professori del Disegno, cioe pittori, scultori et architetti bolognese, um 1760-1780, Bologna, Biblioteca Comunalee dell’Archiginnasio, ms B 124). Auch eine Rötelzeichnung, heute in Florenz, Gabinetto di Disegno e delle Stampe (Inv.-Nr. 4326S.), zeugt von der mehrfachen Beschäftigung und unterschiedlichen Ausgestaltung dieses Sujets durch Lavinia Fontana.

Die Komposition des vorliegenden Gemäldes fängt genau jenen Moment ein, in welchem Maria das Jesuskind im Tempel präsentiert und der greise Priester Simeon es als Heiland erkennt. Die Einbettung im Tempelraum ist durch zahlreiche Assistenzfiguren erweitert. Im Vordergrund vor dem Steinaltar mit der Hauptszene kniet betend die hl. Anna, rechts von ihr der hl. Joseph. Im rechten Hintergrund unter den drei hängenden Tempelleuchtern stehen dem Ritual beiwohnende Figuren mit Kerzen in der Hand. Am linken Bildrand schwenkt ein Diakon das Weihrauchfass, während ein älterer, bärtiger Mann den Bischofshut – als Zeichen der Vorsehung – herbeiträgt.