Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

17. Juni 2019, 16:00 Uhr

0435

Gustav Klimt

(Wien 1862 - 1918 Wien)

„Vorgebeugt stehende Schwangere mit Mann (Studie im Zusammenhang mit "Die Hoffnung II")“
1904/05
Bleistift auf Papier
55,2 x 35 cm
Verso bezeichnet: Nachlaß / Gustav Klimt / Zimpel Gustav

Provenienz

aus dem Nachlass des Künstlers, Sammlung Gustav Zimpel;
österreichischer Privatbesitz

Literatur

Alice Strobl, Gustav Klimt. Die Zeichnungen 1904-1912, Bd. II, Salzburg 1982, WV-Nr. 1751, Abb. S. 171

Schätzpreis: € 18.000 - 25.000
Ergebnis: € 16.000
Auktion ist beendet.

Was Klimts Gemälde „Die Hoffnung I“ (1903/04) und „Die Hoffnung II“ (1907/08) bei allen Unterschieden miteinander verbindet, ist die Dominanz der jeweils schwangeren Hauptfigur, verbunden mit einer ausgesprochen pessimistischen Grundstimmung. In den Aktstudien für beide Allegorien widmet Klimt sich entweder dem Motiv der schwangeren Einzelgestalt, zu welchem Zweck er viele Modelle in verschiedenen Stadien der Erwartung posieren lässt, oder der Kombination einer Schwangeren mit einem athletischen männlichen Modell. Letztere Darstellungsvariante kam nicht in den Gemälden zum Tragen; diese Studien dienten dem Künstler ausschließlich dazu, das für ihn unerschöpfliche Thema der Liebe zwischen Mann und Frau unter dem Aspekt des gemeinsam erzeugten, werdenden Lebens privat zu vertiefen.
Die vorliegende Studie ist ein eindrucksvolles Beispiel dieser Gattung und stammt aus der frühen Phase der Studien im Zusammenhang mit „Die Hoffnung II“. Die Stellung des posierenden Paars ist wesentlich komplexer als im Fall der aufrecht stehenden Figuren der Studien für „Die Hoffnung I“, die Klimt noch mit schwarzer Kreide auf Packpapier ausgeführt hatte. Aber 1904 wechselte er auf Bleistift und Japanpapier über. Die hier präsentierte Zeichnung vertritt die Pionierzeit dieser neuen Technik, mit der Klimt viel genauer auf die körperlichen und psychologischen Nuancen seiner Figuren eingehen konnte. Die vorgebeugte Profilstellung der stehenden Schwangeren lässt die Schwere der fülligen Last und somit das Mysterium des werdenden Lebens besonders zur Geltung kommen. Klimt verzichtet auf die Wiedergabe des Möbels, das dem Modell als Stütze dient, und konzentriert sich völlig auf die monumental in die Fläche eingebundenen Figuren. Der Mann beugt sich schützend über seine Partnerin, deren Oberkörper er mit seinem muskulösen Arm umfasst. Innerhalb des Gleichklangs ihrer Stellungen kommt der Kontrast zwischen den männlichen und weiblichen Eigenschaften der Dargestellten umso prägnanter zum Tragen. In den übereinander gelagerten Raumschichten spielt Klimt die weich fließenden Umrisse der Frau und die kräftig akzentuierten Konturen des Mannes subtil gegeneinander aus. Wie tragende Säulen wirken die rhythmisch nebeneinander gestellten Beine des künftigen Elternpaars. Für Klimt charakteristisch ist die melancholische Grundstimmung, die vor allem durch die gesenkte Kopfstellung des Mannes und die Linie seines vorgebeugten Rückens getragen wird. Diese introvertiert wirkende Stellung sollte die männlichen Aktstudien für das Gemälde „Tod und Leben“ wesentlich bestimmen.
(Marian Bisanz-Prakken)