Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

01. Dezember 2018, 15:00 Uhr

0529

Günter Brus*

(Ardning 1938)

„Eine Dienstreise in den Dunstkreis (12-teilig)“
1990
Bleistift auf Papier; gerahmt
42 x 29,6 cm
Ein Blatt bezeichnet, signiert und datiert oben: Eine Dienstreise in den Dunstkreis Brus 1990

Provenienz

internationale, institutionelle Sammlung

Schätzpreis: € 50.000 - 80.000
Ergebnis: € 60.000
Auktion ist beendet.

Günter Brus’ „Schöpfungsprozess steht unter dem Verdikt, dass er sich von seinen eigenen Arbeiten überraschen lassen will... Das Kunstwerk muss so viel an Ungewohntem, an Anregung ausstrahlen, dass es seinen abwechselnd verzweifelten, mitunter euphorischen, dann wieder in Trance befindlichen Schöpfer überzeugt“. (Gerhard Roth, Im Dschungel der Innenbilder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Günter Brus. Werkumkreisung. Ausstellungskatalog, Albertina, Wien 2003, S. 164) Dabei kommt es zu einer „existentiellen Zerreissprobe zwischen An- und Abwesenheit der dargestellten Gegenstände“ (Franz Josef Czernin, Zeichen und Schöpfungen. Zu Kunst und Sprachkunst von Günter Brus, in: Peter Weibel (Hg.), Günter Brus – Offenlegungen. Ein Symposion zum 70., Köln 2009, S. 28). Im Entstehungsprozess werden Formen getestet, verworfen, ausradiert, zerstört, dann weggelassen, um dennoch einen Schatten ihrer vormaligen Anwesenheit zu hinterlassen.

1971 entsteht nach der Abkehr vom Aktionismus der Roman „Irrwisch“ mit zahlreichen Illustrationen des Künstlers und in Folge 1972 „Der Balkon Europas“ in der Edition Hundertmark, der das Urbild der späteren Bild-Dichtungen ist. Damit beginnt eine neue, bis heute wichtige Werkserie im Schaffen Günter Brus’. Von Anfang an ist klar, dass die Schrift, der Text eine wesentliche Ergänzung zum zeichnerischen Werk sein muss. „Als reiner Zeichner hätte ich sicher nicht mehr reüssieren können. Das war mir suspekt, und es ist bis heute so geblieben: Die reine Malerei oder die Zeichenkunst, die von rein formalen Kriterien ausgeht, halte ich für abgehakt... Wenn ich keinen Text neben meine Zeichnungen setze, halte ich die Arbeit an solchen Programmen für überflüssig.“ (Günter Brus in: https://www.mip.at/attachments/198, zugegriffen am 7.10.2018) Die Bildhaftigkeit allein reicht nicht und wird durch Gedankengänge ergänzt, die den Leser und Betrachter in eine rätselhaft Welt voll möglicher Interpretationen auf Irrwege, Abwege und in neue gedankliche und bildliche Dimensionen führt. „Ich arbeite häufig mit multiplizierten Widersprüchen. Sie können das ruhig als Stil bezeichnen. Ich nenne es tief erfasste Wirklichkeit.“ (Günter Brus, Nach uns die Malflut, Klagenfurt-Wien 2003, S. 241)

Die „Dienstreise im Dunstkreis“ beginnt mit einer Maria Lactans, also mit einem Versprechen der Erlösung des Heilsuchenden durch die heilige Milch. Wo treibt es den Ich-Erzähler auf seiner Reise hin, auf der Suche nach dem eigenen Ich an sternenklaren Tagen? Er sieht sich durch Wände aus Blei isoliert, nur durch die Sprache mit seiner Umwelt verbunden. Diese kann einen wie eine Todgeburt in eine Sackgasse führen oder einem fremd sein wie ein unbekanntes Leben. Geburt, Nacht, Tod, Traum und Alptraum begleiten den Reisenden in eine ungewisse Zukunft, an einen im Nebel liegenden Endpunkt, der als Dunstkreis bezeichnet werden kann. Am Ende steht der Anfang. In der letzten Zeichnung wird das göttliche Auge von einem Strahlenkranz umgeben neu geboren. (Sophie Cieslar)