Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

20. Juni 2018, 18:00 Uhr

0823

Hermann Nitsch*

(Wien 1938)

„Bahre, 50. Aktion“
1975, überarbeitet 1981
Mischtechnik mit Kasel auf Bahre
250 x 50 cm
Rückseitig signiert und datiert: hermann nitsch 1975 50. aktion prinzendorf 1981 überarbeitet

Provenienz

2006 im Auktionshaus im Kinsky Wien erworben, 59. Auktion (lot 293);
seither europäische Privatsammlung

€ 16.000

Die Grundidee des Orgien Mysterien Theaters entwickelt Hermann Nitsch wurzelnd im Aktionismus bereits ab Mitte der 1950er Jahre. Zunächst war es als reines Sprechtheater konzipiert. Immer mehr geht es aber darum, alle Sinne anzusprechen, die Erfahrbarkeit auf allen Ebenen miteinzubauen. Der weitere Weg führt hin zu immer ausgedehnteren Aktionen, die zum Ziel haben, „schicht um schicht die menschliche erregungsfähigkeit zu enthüllen, aus ihrer verdrängung hervorzuholen und zur wirkung zu bringen“ (Hermann Nitsch. 6-Tage-Spiel in Prinzendorf 1998. Ausstellungskatalog, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Wien 1999, S. 9 f.). Dabei rückt das Ekstatische neben dem Rituellen immer mehr ins Zentrum. Der Exzess soll eine Reinigung (Katharsis) bewirken, dem „radikalen, hemmungslosen Abstieg ins Sinnliche“ soll ein „befreiender Aufstieg ins Geistliche“ (Danielle Spera, Hermann Nitsch. Leben und Arbeit, Wien-München 1999, S. 60) folgen.

1963 beginnt Nitsch die Relikte der Aktionen zu Assemblagen zu vereinen, ab 1968 werden diese – es handelt sich dabei um Tücher, Hemden und Bahren – systematisch gesammelt. Als greifbare Hinterlassenschaft der Aktionen geben sie Zeugnis von den rituellen Ereignissen. Ab 1969 integriert der Künstler auch Messgewänder in diese Arbeiten. „Er nimmt die Aura, welche diese Gegenstände mitbringen, ganz selbstverständlich in Dienst und fügt ihre symbolhafte Ausstrahlung dem Kontext“ seiner Arbeiten ein (Nitsch. Eine Retrospektive. Ausstellungskatalog, Sammlung Essl, Klosterneuburg 2003/2004, S. 164). Dass er sich im Rahmen seiner Aktionen immer wieder christlicher Symbole, wie dem Kreuz, dem Kelch oder der Kasel bedient, bringt ihm vor allem in den frühen Jahren Kritik seitens der Kirche ein. Er selbst betont aber, dies mit höchstem Respekt und niemals herabwürdigend zu tun. Schließlicht geht es auch im christlichen Glauben wie in seiner Kunst um die Grundthemen des Seins: Geburt, Leben, Sterben und Auferstehung, und er bedient sich bewusst christlicher wie heidnischer Rituale.

Die straff auf der blutbefleckten Bahre aufgespannte Casula (Kasel oder Messgewand) ist zusätzlich noch mit roter Farbe bespritzt worden. „Das Rot“ ist für Nitsch eine „unglaublich tolle sinnliche Farbe, die intensivste und aggressivste überhaupt“ (Hermann Nisch, in: Parnass, 24. Jg., Heft 3, Wien 2004, S.129). Sie steht für Leben und Tod gleichermaßen, als Farbe des Blutes für Leid und Schmerz, aber auch für den Ursprung und die Essenz des Lebens. Die formale Strenge der Anordnung des Reliktes steht im Kontrast zu dem expressiven Blutspritzern auf der Bahre und den roten Farbpartien auf dem Messgewand, die wohl nicht zufällig im Bereich der Brust und der Scham platziert sind. Mit seiner eindrucksvollen Aura bildet dieses Relikt eine eindrucksvolle Kombination aus Sinnlichem und Geistlichem. (Sophie Cieslar)