Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

06. Dezember 2017, 16:00 Uhr

0482

Birgit Jürgenssen*

(Wien 1949 - 2003 Wien)

„Sich den Weg pfluegen“
1976
Mischtechnik auf Papier; ungerahmt
39,5 x 52,3 cm
Signiert und datiert rechts unten: Birgit Jürgenssen 76

Provenienz

Privatbesitz, Wien

€ 15.000

1976, als die hier angebotene, aus einer Wiener Privatsammlung stammende Zeichnung von Birgit Jürgenssen entstand, konnte die hochbegabte, damals 26-jährige Künstlerin, neben ersten Preisen bei angesehenen Graphikwettbewerben bereits auf zwei Einzelausstellungen in renommierten österreichischen Galerien verweisen. 1972 zeigte sie das Forum Stadtpark in Graz, 1974 war es die Galerie Schottenring in Wien, die Jürgenssen bereits mit nicht weniger als 49 Zeichnungen und 5 Objekten als sensible, ebenso eigenständige wie eigenwillige Künstlerin vorstellte und damit entscheidend eine vielseitige Karriere beförderte, die gerade in jüngster Vergangenheit viel Aufmerksamkeit und Anerkennung auf sich lenken konnte. Mit Recht zählt heute Birgit Jürgenssen auch international zu den Galionsfiguren einer vielfältig strukturierten, von den klassischen Medien, Photographie und Film bis hin zur Objektkunst und Performance reichenden Kunstszene, deren gesellschaftsrelevanter Fokus zentral feministische Themen behandelt. Dass ihre Arbeiten nicht - wie allzu oft üblich - von Anliegen und Inhalten dominiert werden, sondern dank ihrer Gestaltungskraft, künstlerischen Umsetzung, Autonomie, strukturellen Klarheit und Aura für sich einnehmen und deswegen erhöhte gesellschaftliche Relevanz besitzen, ist dabei ein Vorzug mit Seltenheitswert.

Unser feinsinniges, mit trennscharfer zeichnerischer Genauigkeit in dezentem Kolorit zentral aufgebautes Blatt, entstand noch in der ersten entscheidenden, von 1970/71 an rund fünf Jahre währenden Schaffensphase der Künstlerin. Es entstammt einer durch und durch persönlichen, eigenwilligen, ja intimen Welt, in der Poesie und Verfremdung, Ernst und Ironie, Reales und surreal Angehauchtes einander notwendigerweise bedingen und - wie so oft - auf eine gesellschaftsrelevante Doppelbödigkeit mit Widerhaken hinauslaufen. Zart gestrichelt, aber monströs inszeniert wartet so der kapriziöse Schuh im transparenten Riemenkorsett, ausgestattet mit einer gefährlich spitzen Pflugschar, nur noch auf das Startzeichen seiner kapriziösen langbeinigen Besitzerin. (Peter Baum)