Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

29. November 2016, 18:00 Uhr

0230

Rudolf Wacker

(Bregenz 1893 - 1939 Bregenz)

„Ilse Wacker im Atelier“
1922
Öl auf Leinwand
60 × 40 cm
Rückseitig Bestätigung von Ilse Wacker:
"Dieses Bild ist ein Werk meines Mannes 'Rudolf Wacker.' Es ist in unserem Berliner Atelier 1923 gemalt und stellt mich vor dem Spiegel dar. Ilse Wacker"
Datiert rechts unten: 22

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

Literatur

Max Haller, Rudolf Wacker 1893 - 1939. Biografie mit dem Oeuvre-Katalog des malerischen Werkes, Lustenau 1971, Nachtrag Nr. 4 (ohne Abb.);
Bregenzer Kunstverein (Hg.), Rudolf Wacker und Zeitgenossen. Expressionismus und Neue Sachlichkeit, Ausstellungskatalog Bregenzer Kunstverein, Kunsthaus Bregenz, 1993, vergleiche Abb. Nr. 51 bis 53 ("Atelier" 1922, "Figur im Atelier" 1922, "Ilse im Atelier vor dem Spiegel stehend" 1923)

€ 28.000

1893 in Bregenz geboren, verbringt Wacker ab 1915 fast 5 Jahre in Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Die Jahre im Straflager prägen den Künstler und sein Schaffen nachhaltig. In Russland macht er erste Malversuche, doch fehlen ihm, der bis dahin als Zeichner und Grafiker tätig war, die Materialien zum Malen. 1920 kehrt Wacker endlich ins Zivilleben zurück. Es zieht ihn nach Berlin, damals Heimat der Kunstavantgarde, wo er eine Wohnung bezieht, die zugleich als Atelier dient. Wacker fasst schnell in der Berliner Kunstszene Fuß, knüpft Kontakte und freundet sich mit wichtigen Künstlern an. Er verbringt hier die nächsten 4 Jahre Winter und Frühling, den Sommer ist er in der Heimat Vorarlberg. Das revolutionäre Kunstverständnis der Expressionisten beeindruckt ihn und er gesellt sich vorübergehend zu Erich Heckel und dessen Kreis. Seine Themen sind zu dieser Zeit vor allem Akte, Interieurs und Selbstbildnisse.
1922 heiratet er Ilse Moebius, die ihn in ihrem Beruf als Kunstgewerblerin beträchtlich finanziell unterstützt und sein wichtigstes Modell wird. In seinem lang ersehnten eigenen Atelier entstehen zahlreiche Arbeiten, vor allem nach weiblichen Modellen. Das hier gezeigte Bild gehört zu einer Reihe von Rückenansichten Ilses, die vor dem Spiegel stehend verschiedenen Tätigkeiten nachgeht. Auffällig ist der Spannung erzeugende Kontrast zwischen den runden, geschwungenen Linien des Frauenkörpers und den kantigen Formen des Raumes. Die wenigen Möbel schildert Wacker vereinfacht, dabei verzerrt er die Perspektive indem er Boden und Decke “auseinander klappt”. Vorhang, Spiegel sowie die Ecke einer Anrichte im linken Vordergrund führen ein “perspektivisches Eigenleben”: Weder hält er sich an Fluchtpunkte noch an fixe Lichtquellen. Das Bild darf zu Wackers Frühwerk gezählt werden, erst Mitte der zwanziger Jahre tendieren seine Werke immer mehr in Richtung Neue Sachlichkeit, als dessen Vertreter er heute hochgeschätzt wird.
Er übernimmt die satten Farben der Expressionisten und macht sich in seinen Tagebüchern Notizen zur idealen Komposition der Bildfläche, die er in einer ausgewogenen Mischung aus Flächenornament, Farbharmonie und Körperhaftigkeit sieht. (Ina Waldstein)