Auktionshaus

Auktion: Alte Meister

12. April 2016, 15:00 Uhr

0028

Jan Brueghel der Jüngere

(1601, Antwerpen - 1678, Antwerpen)

„Die fünf Sinne“
um 1630-35
Öl auf Holz, parkettiert
67 × 107 cm

Provenienz

holländische Sammlung;
seit um 1990 in süddeutschem Privatbesitz

Ausstellung

1993 Kunstverein Grevenbroich ("Das Niederländische Kabinettbild des 17. Jahrhunderts");
Das Gemälde war von ca. 1997 bis 2014 als Leihgabe im Clemens-Sels-Museum, Neuss, ausgestellt.

Literatur

Gabriele Broens, Das niederländische Kabinettbild des 17. Jahrhunderts. Flämische und holländische Meister aus Privatbesitz, Ausstellung des Kunstvereins Grevenbroich e. V., Haus Hartmann am Alten Schloss, 7. bis 28. November 1993, S. 20f., Kat.-Nr. 5 (mit Abb.);
Gabriele Broens, Jan Brueghel d. J. - Pieter van Avont. Die fünf Sinne, in: Neusser Jahrbuch für Kunst, Kulturgeschichte und Heimatkunde (1997), S. 8-10

Gutachten Dr. Klaus Ertz, Freren, den 22. April 1987, liegt bei.

€ 150.000 - 300.000

Im Gegensatz zu den meisten aus der Brueghel’schen Werkstatt stammenden Sinnesserien in mehreren Gemälden, zeigt das vorliegende Werk eine Allegorie der „Fünf Sinne“ vereint in einer einzigen Komposition. In einem prächtig geschmückten Innenraum, dessen Rückwand mit einer Tapisserie verkleidet ist, sitzen vier Frauen um einen reich gedeckten Tisch. Ganz links sitzt mit nacktem Oberkörper eine den „Geschmackssinn“ personifizierende Frauengestalt. Ein Früchtestillleben ist zu ihren Füßen arrangiert, von welchem ein Affe Obst stielt. Daneben sind drei Putten zu erkennen, von denen der vorderste ihr Wein eingießt und der mittlere eine prächtige Pastete zu Tische trägt. Die als einzige mit einem schwarzen Gewand bekleidete Frau ist durch den über ihr schwebenden und ihr einen Blumenkranz reichenden Putto als „Geruchssinn“ zu erkennen. Daneben der „Gehörsinn“, verkörpert durch eine lautespielende nackte Nymphe, vor der zwei Putti ein Notenbuch halten. Die dem Betrachter den Rücken zukehrende Frauengestalt, richtet ihren Blick nach links oben auf zwei schwebende Putti, von denen einer einen Spiegel in den Händen hält und sie damit als Verkörperung des „Gesichtssinns“ identifiziert.
Vor dieser Tischszene, am linken unteren Bildrand unter einem nächtlichen Landschaftsausblick und vor einem zur Seite gerafften Brokatvorhang, liegt die unbekleidete Venus als Personifikation des „Gefühlsinns“. Während ihr rechter Arm unter ihrem Kopf liegt, hat sie den linken um den kleinen Amor gelegt, der sie liebkost. Zu Füßen der Venus befinden sich von ihrem Gatten Vulkan gefertigte Waffen und Rüstungsteile. Am rechten Bildrand ist ein meisterliches Stillebenarrangement mit einem Himmelsglobus, verschiedenen Musikinstrumenten und Notenbüchern platziert; dahinter ein geschnitztes Buffet, an dem eine Geige lehnt und auf dessen Platte zahlreiche goldene und silberne Prunkgefäße lagern.

Ein Gemälde, als ‚Bild im Bild‘, mit der Darstellung des „Sündenfalls im Paradies“ schließt die rechte Bildhälfte ab. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war es üblich, den Gemälden mit allzu weltlichen allegorischen Themen ein christliches Gegengewicht – sozusagen als erhobenen Fingerzeig – mitzugeben. Zahlreiche Gemälde aus der Brueghel-Werkstatt setzen diese Zweideutigkeit von heidnischem und christlichem Glauben meisterlich in Szene. In vorliegendem Gemälde dient eben die Sinnesallegorie zur Darstellung dieses Gegensatzes: auf der einen Seite Venus mit Amor, auf der anderen Seite der Sündenfall im Paradies. Mythologische und christliche Symbole, Attribute und Allusionen werden wie selbstverständlich innerhalb einer Komposition miteinander vereinigt (vgl. Gutachten Dr. Klaus Ertz).

Jan Brueghel der Jüngere übernahm nach dem Tode seines Vaters, Jan Brueghel den Älteren, im Jahre 1625 dessen Werkstatt und setzte auch dessen Praxis der spezialisierten Gemeinschaftsarbeit mit anderen Künstlern fort. So entstand dieses Gemälde unter der Mitarbeit von Pieter van Avont, der ebenso wie Peter Paul Rubens, Hendrik van Balen oder Frans Francken figürliche Staffagen in Brueghel’sche Gemälde eingefügt hat.
Jan Brueghel der Jüngere erlernte nicht nur sein meisterliches malerisches Können beim Vater, sondern konnte auch stets aus dessen Kompositions- und Formenschatz schöpfen. Zwar sind bestimmte Einzelelemente von vorliegendem Werk auch in den Sinnesallegorien des Vaters zu finden, jedoch zeigt ihre originelle und selbständige Komposition, dass sich Jan Brueghel der Jüngere bereits zu einem in seiner Zeit hochgeschätzten eigenständigen Meister entwickelt hatte.