Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

06. Oktober 2015, 14:00 Uhr

0444

Franz West*

(Wien 1947 - 2012 Wien)

„o.T.“
1977
Zeitung "Il Giornale" bemalt und beschriftet, Filzstift, Kugelschreiber, Deckweiß
59 × 44 cm; ungerahmt
Signiert und datiert links oben: West 77

Provenienz

Privatbesitz, Wien

Registriert: Franz West Privatstiftung Archiv, Wien

€ 20.000

Franz West, Schriftbilder
Die ersten autodidaktischen künstlerischen Arbeiten von Franz West entstehen ab 1970. Es sind kleinformatige Zeichnungen in naiver Form mit mysteriösem Inhalt. Bezüge zu Arbeiten von Manzoni und Fontana finden sich bei West in seinen ersten Bildern ab 1974 und in den folgenden Objektbildern und plastischen Werken. Allerdings sind seine Arbeiten durch Stimmungswerte wie Farben oder Abziehbilder und auch durch die Möglichkeit der Interaktion lebendig in alltägliche Gegebenheiten eingebunden. Parallel zu den ersten skulpturalen Werken entstehen grafische Arbeiten die unsere Konsumwelt, Moral und Normvorstellungen aber auch Positionen der Wiener Kunstszene in bildnerischen Kommentaren kritisieren. Ausgangsmaterialien sind oft Werbeseiten aus Zeitungsbeilagen und Postwurfsendungen. Diese Sehnsuchtsbilder verändert West durch künstlerische Eingriffe wie Übermalung, Überzeichnung, Überklebung und lässt ironische Idealvorstellungen und Klischees erscheinen. Er benützt auch Textseiten von Tageszeitungen und verändert Sprache und Schriftbild indem er ganze Textblöcke zensuriert und mit eigenen Inhalten füllt. Dazu gehören die beiden vorliegenden Arbeiten, die während seiner zahlreichen Aufenthalte in Italien entstanden sind.
Ab Mitte der 70er Jahre beginnt Franz West selbst Notizen und Texte zu verfassen. Durch seinen Halbbruder Otto Kobalek (Dichter und Schauspieler) kam West bereits in den 1960er Jahren mit Gerhard Rühm und der Wiener Gruppe sowie mit dem Wiener Aktionismus in Kontakt. Einer der ersten öffentlichen Texte von West war 1977 eine Anzeige in der Wiener Zeitschrift Freibord: „Ich halte den anarchoesken G. Rühm, diesen Herbert von Karajan bzw. Freddy Quinn (besonders aussprachsmäßig) des „Undergrounds“, für einen, wie man im Wiener Volksmund sagt, Pelzärmel.“ (Hans Ulrich Obrist, Ines Turian; Franz West schrieb 1975 – 2010; Köln 2005, S 20) . Geschrieben als eine Antwort aufgrund eines verbalen Angriffs, den West nicht anders abwehren konnte (ebenda S11). Diese Auseinandersetzung ist sicher bestimmend für die vorliegende Arbeit, wobei West seine Wut gleich auf alle „Beefgenesen“ ausdehnt bis hin zu einem Rundumschlag gegen die „Kunstmafia“.
Die zweite Arbeit ist ein aktionistischer Text mit Otto Mühl als Hauptakteur. West ist bereits in den 60er Jahren bei den wichtigen Aktionen von Otto Mühl als Zuschauer dabei so auch bei „Kunst und Revolution“ in der Wiener Universität 1968. (vgl. Franz West. Proforma, Ausst.Kat. Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien 20er Haus, 1996, S105ff). In dem hier vorliegenden Text jedoch nimmt er u.a. Bezug auf die mehrtägige Performance „Blutorgel“ 1962 in der sich Otto Mühl, Hermann Nitsch und Adolf Frohner im Perinetkeller einmauern ließen und Mühl die Zerstörung des Tafelbildes proklamierte.
Assoziative Gedanken formen sich hier zu grafisch gestalteten Arbeiten aus Sprachinhalt und Schriftbild mit Palimpsest- Charakter durch die Überdeckung und Ausstreichung des gedruckten Textes. Es sind nur sehr wenige Arbeiten auf Zeitungspapier bekannt. Die meisten davon sind 1977 entstanden. Die Besonderheit dieser beiden Arbeiten liegt bei den sehr emotionalen persönlichen Texten, die West hier als Botschaft einsetzt und gleichzeitig durch die Kombination von Schrift, Bild und Form ironisch verfremdet.
Inhaltlich sind die Schimpftiraden einerseits auf Gerhard Rühm und den Kunstmarkt und andererseits auf Otto Mühl und das Kommunardentum ein Zeichen dafür wie intensiv und kritisch sich Franz West speziell mit diesen beiden Künstlern auseinandergesetzt hat und wie wichtig der Kontext mit der Wiener Gruppe und dem Wiener Aktionismus der 1960er und 70er Jahre für die künstlerischen Anfänge von Franz West war. (Christa Armann)