Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

24. März 2015, 16:00 Uhr

0188

Hans Staudacher*

(St. Urban 1923 - 2021 Wien)

„o.T. (Diptychon)“
1959
Öl auf Packpapier auf Spannplatte
320 × 408 cm
Signiert und datiert links unten: H. Staudacher 59, kaschiert 1993

Ausstellung

"Das sogenannte Abstrakte", Graz 1993, Kulturhaus Graz

Ausstellungsetikett "Das sogenannte Abstrakte" rückseitig.

€ 35.000

Wildes Schwarz krümmt sich in kraftvollen Linien zu einem dichten Wirbel, von dem aus es in alle Richtungen strömt. Das pulsierende Herz des Gemäldes ist geteilt, die Kraft der Komposition durchbrochen und durch diesen Bruch noch gestärkt in seiner Monumentalität. Beinahe gewaltsam tanzen die Farben, scheinen aus dem Bild herauszuspringen. Der Betrachter steht eingenommen jenseits aller Gedanken, ratlos erfüllt. „Malerei als intuitiver Kampf mit dem Bildträger, in dem ein Zeichen das andere ergibt und das scheinbare Chaos gewollt ist. Das Bild als spontaner Schöpfungsakt, ein rhythmischer Ausputt (sic!), dessen endgültige Harmonie mit der Erschöpfung des Malers ein Gleichgewicht bildet.“ (Gerwald Sonnberger , in: Hans Staudacher. Die Kraft der 50er. Wien – Paris, Wien 1997, 21.)
Das Streben Hans Staudachers, nach immer neuen Arten, möglichst unbewusst zu malen, besser, wild und gestisch hinzuwerfen, ist hier zu einem Höhepunkt geführt. Alle Figürlichkeit ist Ende der 50er Jahre restlos abgeschüttelt, keine Schatten einer geometrischen Form, kein Anklang an Bekanntes oder oberflächlich Benennbares ist mehr zu sehen. Staudacher hat seinen künstlerischen Ausdruck voll gefunden, ist zum Pionier des Informel in Österreich geworden. Die Farbigkeit des Diptychons ist noch an frühere Werke angelehnt, tonige Erdfarben, Grautöne und Weiß betten die schwarzen Linien ein, spielen in sie und um sie herum. Einzig einige strahlend rote Flecken zeigen sich in dem Dunst, etwas Blau blitzt hervor. Nach den dunklen Werken seiner frühen Zeit war es Paris und seine pulsierende Kunstszene, wo er sich ab der Mitte der 50er immer wieder länger aufhielt, die ihm die Aufnahme von Farben in seine Arbeit ermöglichte.
Das Format des Diptychons ist selbst für Staudachers Verhältnisse enorm. Seine Malgründe bestehen meist aus Sperrmüll, den er zu dieser Zeit am Dachboden der Sezession vorfand, die ihm Ausstellungsraum, Arbeitsplatz, Reibefläche, Schlafplatz war. Große Formate auf billigen Malgründen, oft Papier, aber auch Jutesäcke, Kisten, Spannplatten, waren für seine schnelle, spontane, wilde Arbeitsweise von größter Wichtigkeit. Sie erlaubten ihm, ohne Rücksicht auf Gefälligkeit seine Visionen zu entwickeln und schließlich zu einem der wichtigsten österreichischen Künstler der Nachkriegszeit zu werden. (Nina Binder)