Dieses Exponat war Teil der 111. Kunstauktion, Auktionstage vom Di, 12. April 2016.
Archiv: Lot 0006 zoom

0006

Hans Brosamer

Bildnis Hans Durr

Schätzpreis € 70.000 - 140.000

Meistbot € 60.000
(ohne Aufgeld)
  • Detailbild 1: Kat. 0006
  • Detailbild 2: Kat. 0006

Hans Brosamer

(Fulda 1495- um 1554 Erfurt)
Bildnis Hans Durr, 1521
Öl auf Holz; 49 × 34 cm
Inschrift am oberen Bildrand in Renaissancemajuskeln:
IN DISER GESTALT · WART HANNS DVRR. · 26 · IAR ALT · 1521
Darunter rechts monogrammiert: HB (in Ligatur)
Provenienz
Sammlung Kaiser Wilhelms II. (1859-1941);
als Geschenk an den kaiserlichen Diplomaten und engen Vertrauten Philipp Friedrich Alexander, Fürst zu Eulenburg und Hertefeld, Graf von Sandels (1847-1921), Schloss Liebenberg, Brandenburg;
vererbt an Friedrich-Wend, Fürst zu Eulenburg und Hertefeld, Graf von Sandels (1881-1963), Schloss Liebenberg, Brandenburg;
1937 als Hochzeitsgeschenk an dessen Tochter Ingeborg Marie von Schoenebeck, geb. Gräfin zu Eulenburg und Hertefeld, bis 1990 in deren Besitz;
Versteigerung Sotheby’s New York, 11. Januar 1990, Lot 20;
europäische Privatsammlung
Ausstellung
Dürer-Cranach-Holbein. Die Entdeckung des Menschen: das Deutsche Porträt um 1500, 16.09.2011-15.01.2012, Kunsthistorisches Museum, Wien & Bayrische Staatsgemäldesammlungen, München (ausgestellt in München)
Literatur
Kurt Löcher, Zu den Nürnberger Anfängen des Malers Hans Brosamer, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, 96. Band, S. 21-27, Nürnberg 2009, Abb. S. 23; Nürnberger Zeitung, Beitrag vom 30.12.2009 zu Band 96 des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg


Das „Bildnis Hanns Durr“ ist – wie auch Katalognummer 7 („Bildnis Sebolt Schwarcz“) – eines der seltenen monogrammierten Werke Hans Brosamers. Der ursprünglich aus Fulda stammende Maler zählte im Nürnberg der 1520iger Jahre zu einem der gefragtesten Porträtisten der Oberschicht. Sein Stil ist sowohl von dem in Wittenberg tätigen Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553), als auch von Albrecht Dürer (1471-1528) in Nürnberg beeinflusst.

Hans Brosamer inszeniert das „Bildnis Hanns Durr“ vor grünem Grund, auf welchen der den Dargestellten begleitenden Schlagschatten fällt. Vor diesem kommen das schwarze Barett mit den Goldstiften und das geschlitzte hellrote Wams voll zur Geltung. Der Dargestellte hält mit beiden Händen ein Schwert. Die Goldkette, die im Wams verschwindet, aber in den weiß unterlegten Schlitzen weiter verfolgt werden kann, sollte wie auch die zehn Ringe für einen Patrizier, wenn nicht für eine adlige Herkunft sprechen (vgl. Löcher 2009, S. 21ff.). Kurt Löcher, ehemaliger Direktor des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg, der sich mit dem vorliegenden Gemälde eingehend beschäftigte, führt in seiner Publikation ausführlich aus, dass das Werk neben seiner meisterlichen Qualität auch ein herausragendes historisches Zeugnis der Mode und Bräuche im frühen 16. Jahrhundert ist. So ist das geschlitzte Wams eindeutig ein von der Landsknechttracht inspiriertes Kleidungsstück, welches in der Zeit eine Blüte erlebte. Es ist beispielsweise überliefert, dass der als „Kleidernarr“ bezeichnete, in den Diensten der Augsburger Fugger stehende Kaufmann Matthäus Schwarz ein solches Wams zu einer Hochzeit im Jahre 1521 trug. Er ließ sich damit selbst in seinem sogenannten „Trachtenbuch“ abbilden (vgl. Narziss Renner, Matthäus Schwarz, Miniatur aus dem Schwarzschen Trachtenbuch 1521, Braunschweig, Herzog Anton Ulrich Museum).
Als Gründe warum sich Hanns Durr in diesem außergewöhnlichen Gewand porträtieren ließ, gibt Kurt Löcher mehrere Möglichkeiten an. Neben der eigentlich untersagten Darstellung als Landsknecht „im Zug“, könnte das Bildnis auch „Zeugnis der Renommiersucht“ oder eine mit ironischem Augenzwinkern versehene Selbstdarstellung, quasi als „Hoffnarr“, sein. Die regionalen Bräuche der Zeit zugrunde gelegt, lassen vermuten, dass sich Hanns Durr wohl als Teilnehmer des "Schembartlaufs" porträtieren hat lassen und daher eine Art "Maskerade" trägt, wodurch auch der extravagante Bartschmuck zu erklären wäre. Im Rahmen der Fasnacht gab es in Nürnberg seit 1449 den Brauch des sogenannten „Schembartslaufs“, zu welchem junge Partizier befugt waren sich zu kostümieren oder gar Masken zu tragen. Im protestantisch gewordenen Nürnberg ging dieser Brauch jedoch bereits 1539 infolge des Einspruchs der Geistlichkeit verloren.