Dieses Exponat war Teil der Sommerauktion vom Do, 25. Juni 2020.
Archiv: Lot 1207 zoom

1207

Koloman Moser

Feldeinsamkeit

Schätzpreis € 250.000 - 500.000

Meistbot € 750.000
(ohne Aufgeld)
  • Detailbild 1: Kat. 1207
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Koloman Moser

(Wien 1868-1918 Wien)
Feldeinsamkeit, 1912/13
Öl auf Leinwand; zweiteilig; gesamt: 129 x 122 cm, oberer Bildteil: 99 x 122 cm, unterer Bildteil: 30 x 122 cm
Signiert und datiert links unten am oberen Bildteil: 12 Kolo Moser 13
Zwei Nachlassstempel rückseitig auf der Leinwand des oberen Bildteils, ein Nachlassstempel rückseitig auf der Leinwand des unteren Bildteils sowie Nachlass-Nr. 117 auf den Keilrahmen
Originalrahmen
Provenienz
aus dem Nachlass des Künstlers (Erben nach Kolo Moser: Editha Hauska, Karl und Dietrich Moser, Wien);
Privatbesitz;
Dorotheum Wien, 371. Kunstauktion, 21.-23.06.1926, Nr. 72;
dort erworben, seither durch Erbfolge in Familienbesitz, Privatbesitz Wien
Ausstellungen
1916 Berlin, Sezession, Wiener Kunstschau, 08.01.-20.02., Nr. 76 (Abb.);
1920 Wien, Kunstverlag Wolfrum, Kolo Moser-Nachlass-Ausstellung, 23.11.-15.12., Nr. 117, Titel dort: Abend (Knabenakt in Wolken);
Dorotheum Wien, 364. Kunstauktion, 09.-11.11.1925, Nr. 363 (Titel dort: Der Träumer);
Dorotheum Wien, 368. Kunstauktion, 24.-25.03.1926, Nr. 67;
Dorotheum Wien, 371. Kunstauktion, 21.-23.06.1926, Nr. 72
Literatur
Franz Servaes, Wiener Kunstschau in Berlin, in: Deutsche Kunst und Dekoration 38, 1916, S. 50-53, Abb. S. 49 (mit dem Titel: Feldeinsamkeit);
Werner Fenz, Kolo Moser, Salzburg 1976, S. 155, s/w-Abb. 89;
Gerd Pichler, Koloman Moser. Die Gemälde. Werkverzeichnis, Wien 2012, WV 136*, s/w-Abb. S. 137
Das 2012 unter Vorbehalt in das Werkverzeichnis aufgenommene Gemälde kann nun als authentisches Gemälde mit der Werkverzeichnisnummer 136 und dem Werktitel "Feldeinsamkeit" bestätigt werden.
Gutachten von Dr. Gerd Pichler, Wien, 17.05.2020, liegt bei.


"Das vorgelegte Gemälde zeigt einen in Wolken liegenden Jünglingsakt, der von der Welt entrückt ist. Die unterhalb im separaten Bildteil dargestellte Berglandschaft unterstützt die Wahrnehmung, dass der Jüngling über der Welt schwebt. Von Kolo Moser selbst sind keine Äußerungen zum vorliegenden Gemälde bekannt. Bemerkenswert ist, dass zu diesem Gemälde – ebenso wie zu seinen zehn anderen 1916 in Berlin gezeigten Bildern – ein vom Künstler stammender Bildtitel überliefert ist. Beim vorgelegten Gemälde lautet der Bildtitel „Feldeinsamkeit“, wie sich aus dem damaligen Ausstellungskatalog und dem zeitgenössisch publizierten Zeitschriftenartikel erschließt. Dieser Titel lässt an Hermann Allmers 1852 geschaffenes Gedicht denken, das Johannes Brahms (op. 86/2, 1879) und im Jahr 1900 auch Charles Ives vertont haben:

„Ich ruhe still im hohen grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn‘ Unterlaß,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.

Die schönen weißen Wolken ziehn dahin
Durchs tiefe Blau, wie schöne stille Träume;
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin
Und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.“

Mit diesen Zeilen mag sich der sonst unverständliche Bildtitel erklären und man erkennt den Jüngling „von Himmelsbläue wundersam umwoben“ in „schönen weißen Wolken […] wie schöne stille Träume“. Das vorgelegte Gemälde zeigt wiederum, dass Kolo Moser in seinen symbolistischen Bildern ab 1912 oftmals einen inhaltlichen Bezug zur Musik suchte.

Wie bei dem Gemälde „Schwertlilien“ (WV 176) datierte Moser das vorgelegte Gemälde unter Angabe einer Zeitspanne. Das ist ungewöhnlich, aber beim vorgelegten Gemälde nun schon zum zweiten Mal in Mosers malerischem Schaffen nachgewiesen. Demnach entstand das Bild in den Jahren 1912 und 1913. Es war also Ergebnis eines zweijährigen Schaffensprozesses, den der Künstler auch am Gemälde dokumentieren wollte.

Das Gemälde war Anfang 1916 in der Berliner Secession am Kurfürstendamm in der „Wiener Kunstschau“ ausgestellt. Franz Servaes fand in seiner Besprechung in der Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration“ lobende Worte über die dort von Koloman Moser ausgestellten Gemälde und bildete das vorgelegte Gemälde ganzseitig in der Zeitschrift ab, woraus man noch heute den zuerkannten hohen Stellenwert des Gemäldes im Rahmen der Ausstellung ermessen kann. Nach einer eher abschätzigen Kritik zu den Ferdinand Andri gezeigten Arbeiten auf der Ausstellung hebt Franz Servaes Mosers gezeigte Werke folgend hervor: „Glücklicher findet sich Kolo Moser innerhalb der neuen Stilbestrebungen zurecht. Er ist von Haus aus ein dekoratives Talent und seiner künstlerischen Individualität ist Eigenwilligkeit nicht abzusprechen. Ob er durch Klimt angeregt ist oder Klimt durch ihn, bliebe immerhin erst zu untersuchen. Daß er von Hodler sich anregen ließ und ihn mit weichem wienerischen Schmelz überzog, wird er freilich wohl selber nicht leugnen. Eigenkräftig tönt in derlei Erfindungen Mosers, wie in „Feldeinsamkeit“ und „Erinnerung“, etwas von Wiener Lyrik und Wiener Musik, zart umgerüstet und umhaucht von malerischen Scheinen. Jedenfalls ein Kopf und eine Hand für sich.““
(Auszug aus dem Gutachten von Dr. Gerd Pichler, 17.05.2020)