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Auktion: Zeitgenössische Kunst

09. Dezember 2022, 15:00 Uhr

Objektübersicht
Objekt

2201

Hermann Nitsch*

(Wien 1938 - 2022 Wien)

„Schüttbild“
2021
Acryl, Blut auf Leinwand; ungerahmt
80 x 60 cm
Rückseitig signiert und datiert: Hermann Nitsch 2021

Provenienz

direkt bei der Nitsch Foundation erworben;
seither Privatbesitz, Niederösterreich

Schätzpreis: € 25.000 - 50.000

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Hermann Nitsch zählt zu den Hauptprotagonisten des Wiener Aktionismus. Gemeinsam mit Günter Brus, Otto Muehl und Rudolf Schwarzkogler überschreitet er die Gattungsgrenzen der Malerei zugunsten von Aktionen mit realen Körpern, Objekten und verschiedensten Substanzen. Ziel ist eine Konfrontation mit der sinnlich wie physisch erfahrbaren Realität sowie gesellschaftlich verdrängten Aspekten des Lebens. Der Wiener Aktionismus zählt zu einer der wichtigsten auch internationalen Entwicklungen der Kunst der 1950er und 1960er Jahre.

Für Hermann Nitsch ist schon früh klar, dass er an einer alle Sinne umfassende Theaterinszenierung, konzipiert als Gesamtkunstwerk aus Musik, Darstellung und Malerei arbeiten will: dem Orgien Mysterien Theater. Ein Projekt, das er seit den frühen 1960er Jahren mit zahlreichen Aktionen immer weiterentwickelt. Der Künstler ist ein äußerst gebildeter Mensch, beschäftigte sich mit Lyrik, Dichtung, Theater und klassischer Musik. Die Gesamtkunstwerkansätze der griechischen Tragödie, von Claudio Monteverdi, Richard Wagner, Richard Strauss, Claude Debussy, Alexander Skrjabin, Wassily Kandisky und Arnold Schönberg faszinieren ihn und er beschäftigt sich mit Literatur, Religion, Mystik, Philosophie und Psychoanalyse. Mit dem Sechstagespiel des Orgien Mysterien Theaters, das vom 3. bis 9. August 1998 in Schloss Prinzendorf stattfindet, erreicht die Aktionsarbeit Hermann Nitschs zweifellos einen Höhepunkt.

Neben der Arbeit am Orgien Mysterien Theater findet der Künstler ab 1983 wieder zur reinen Malerei zurück. Seine künstlerischen Wurzeln liegen hier im Tachismus sowie im Abstrakten Expressionismus, der die Farbe als gestaltbares Material begreift. Daraus resultiert das „dramatisch-dynamische Potenzial“ (https://www.nitschmuseum.at/de/hermann-nitsch/werk, aufgerufen am 18.10.2022) der Aktionsmalerei, das exzessive Schütten von Farbe auf senkrechte oder waagrechte Leinwände. Ist die Malerei vorher zur Gänze im Geschehen des O.M. Theaters aufgegangen, erkennt Hermann Nitsch nun die wechselseitige Notwendigkeit von Malaktion und Aktion. Die Malerei wird wieder ein wichtiges ergänzendes, aber auch durchaus eigenständiges Medium in seinem Werk.

In den späteren Jahren entwickelt der Künstler, der davor hauptsächlich Rot in seinen Arbeiten verwendet hat, in seinen Bildern eine unglaubliche Farbigkeit und öffnet sich einem größeren Spektrum, vor allem werden – neben Gelb – die liturgischen Farben Violett, Blau, Grün und Weiß zum Einsatz gebracht, deren symbolischer Bedeutung er sich dabei bewusst zu bedienen versteht: „trotz des tragisch exzessiv lebensbejahenden grundthemas meiner arbeit erfährt meine auseinandersetzung eine noch nie dagewesene heiterkeit. eine neue stimulanz soll von meinen bildern ausgehen. die farben aller blumen, aller kosmischen lichtabgründe sollen heiter festlich inszeniert werden… ich arbeite am heiteren finale meines gesamtkunstwerkes. der reichtum von geschmacks-, geruchs-, tast- und gehörsempfindungen weitet sich zur unbedingten auseinandersetzung mit dem farbigen licht aus.“ (Hermann Nitsch in: Mappe zur 20. Malaktion in der Wiener Secession, Wien 1987, S. 19)

(Sophie Cieslar)