Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

09. Dezember 2022, 15:00 Uhr

2229

Maria Lassnig*

(Kappel am Krappfeld/Kärnten 1919 - 2014 Wien)

„Meeresgedanken“
1983
Aquarell auf Papier; gerahmt
44 x 62,5 cm
Signiert, bezeichnet und datiert rechts unten: M. Lassnig / Meeresgedanken / 1983

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

Schätzpreis: € 20.000 - 40.000

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„Jede Zeichnung ist ein Triumph über die Unruhe der Welt.“
„Wenn die Eingrenzungen aufgelöst werden, breitet sich die Konzentration aus wie die Linien eines Kardiogramms.“
(Maria Lassnig, Auszug aus dem Manifest Körpergefühle, 1992, in: Bormann/Hoerschelmann/Schröder (Hg.), Maria Lassnig. Ways of being, Ausst. Kat., Amsterdam/Wien 2019, S. 49)

In den 1980er-Jahren ist es Maria Lassnig durch ihre Professur an der Hochschule für angewandte Kunst möglich, viele Reisen zu unternehmen. Besonders in den warmen Monaten besucht sie Ägypten, Frankreich und Italien, aber auch die Türkei und Griechenland, Kreta, die Kykladen und Zypern. Stets hat sie Papier, Stifte und Aquarellfarben dabei, um das Gesehene und Gefühlte spontan gleich vor Ort, oft direkt auf ihren Knien, festhalten zu können, was auf Leinwand nur schwer möglich ist. Entsprechend der unterschiedlichen Technik, aber auch den veränderten Umständen und Eindrücken, besitzen ihre Aquarelle eine veränderte, viel zartere Farbigkeit, die Formen verschwimmen in und mit der Landschaft, mit der sie sich – immer wieder in der Rolle von mythologischen Gestalten, aber auch als sie selbst bis hin zu ihrem eigenen Körper als Landschaft – identifiziert. In manchen Aquarellen sind die dargestellten Gestalten (oder ihr eigener Körper) kaum mehr als solche erkennbar, es ist mehr eine Art humane rosa Masse inmitten der Natur. In anderen Papierarbeiten ist das Gesicht der Künstlerin wiederum klar identifizierbar.

In „Meeresgedanken“ ist die Gestalt, die mit dem Rücken zum Betrachter hüfttief im Wasser steht, auf den ersten Blick kaum als solche zu erkennen. Wer nicht genau schaut, könnte sie leicht für einen in der Abendsonne rosa schimmernden Felsen halten. Erst bei sorfältigerem Hinsehen erkennt man mit etwas Fantasie einen Rücken und zwei Arme und Hände, die einen in warm schimmerndes Gelb getauchten Kopf umfassen – tief in Gedanken versunken. Der nackte, rosa Körper wird von kleinen, kräuseligen Wellen in den verschiedensten Blau- und Grüntönen umspült. Rechts im Bild ist noch ein Stück der felsigen Küste zu sehen, vor der Figur scheint sich eine Sandbank aus dem Wasser zu wölben. In der Ferne des anderen Ufers erheben sich majestätisch Berge in den weißen Himmel.
Man kann die Stille, die nur vom leisen Rauschen der Wellen unterbrochen wird, förmlich hören und sich in das Gefühl der ruhig verharrenden Figur versetzen, die in sich hinein lauscht, die Gedanken schweifen lässt, zur Ruhe kommt und förmlich mit der Landschaft verschmilzt.

(Ina Waldstein)