Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

09. Dezember 2022, 15:00 Uhr

2208

Hermann Nitsch*

(Wien 1938 - 2022 Wien)

„o.T. (Schüttbild)“
2013
Acryl auf Leinwand; ungerahmt
200 x 300 cm
Rückseitig signiert und datiert: Hermann Nitsch 2013

Provenienz

2017 bei der Nitsch Foundation erworben;
seither Privatbesitz, Steiermark

Original-Expertise der Nitsch Foundation liegt bei.

Schätzpreis: € 100.000 - 200.000

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„Blut ist der Saft des Lebens und das rote hervorquellende Blut signalisiert die Verletzung, das Leid, die Gefahr, den Tod. Die Passion ist das Leben, hochgehoben zur dionysischen Tatsache des tragischen Erleidens des Seins. Mich hat beim Registrieren der großen Passionsdarstellungen in Malerei und Musik immer wieder die Gewalt des Lebens und die tiefe, schauerliche Abgründigkeit des in aller Ewigkeit und Unendlichkeit sich ereignenden Lebens erschüttert. Die ungeheure, aus dem Abgrund ihrer selbst sich ereignende Natur hat mich zutiefst betroffen und erschreckt. Ich musste sehen, in welch furchtbaren Masken sich das Leben zeigt. Immer wieder ergriff mich an den Leidensabgründen der Passion die tiefe ungeheuerliche Kraft des Lebens. Nicht umsonst ist Rot die intensivste Farbe, die ich kenne, ist Rot die Farbe, die am intensivsten zur Registration reizt, weil sie die Farbe des Lebens und des Todes gleichzeitig ist.“ (Hermann Nitsch in: Mappe zur 20. Malaktion in der Wiener Secession, Wien 1987, S. 26)

Schon früh bekennt sich Hermann Nitsch zu einer überschäumenden Lebensfreude, die bis ins Ekstatische reicht, und die er verstärkt in sein Schaffen einbringt. Dabei spielt die Farbe Rot eine tragende Rolle. In seinen Schüttbildern, die oft im Rahmen von Aktionen in großen Formaten auf den Wänden eines Raumes aufgestellt gleichzeitig bearbeitet werden, lässt der Künstler rote Farbe von der Oberkante der Leinwände laufen, sodass sich ein dichtes Geflecht aus ineinander- und übereinander laufenden Rinnsalen ergibt. Dabei weist die obere Bildhälfte, in der das spontane, großteils unbeeinflussbare Bildgeschehen seinen Ausgang nimmt, opake, deckende Farbzonen auf, wie Wolken, aus denen sich blutroter Regen in Strömen ergießt. „Das Rot ist für mich eine unglaublich tolle sinnliche Farbe ist, die intensivste und aggressivste überhaupt“, so der Künstler (Sophie Cieslar, Hermann Nitsch, in: Parnass, Heft 3, Wien 2004, S. 129). Sie steht für Leben und Tod gleichermaßen, als Farbe des Bluts für Leid und Schmerz, aber auch für den Ursprung und die Essenz des Lebens.

(Sophie Cieslar)