Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

08. Dezember 2022, 15:00 Uhr

2032

Wilhelm Thöny

(Graz 1888 - 1949 New York)

„La Tour Saint-Jacques in Paris“
1933-36
Öl auf Leinwand; gerahmt
35,5 x 45 cm
Signiert links oben: W. Thöny

Provenienz

Galerie Hofstätter, Wien;
österreichische Privatsammlung

Literatur

Vgl.: Christa Steinle/Günther Holler-Schuster (Hg.), Wilhelm Thöny. Im Sog der Moderne, Ausstellungskatalog, Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum, Graz 2013, Nr. 306 ("Selbstporträt mit Tour Saint-Jacques", 1933-36)

Expertise Reinhold Hofstätter, Wien, 29. November 1984, liegt bei (dort mit Entstehungszeit 1931/32).

Das Gemälde wird in die Ergänzung des Werkverzeichnisses aufgenommen.
Wir danken Herrn Mag. Günther Holler-Schuster für die freundliche Unterstützung bei der Katalogisierung.

Schätzpreis: € 35.000 - 70.000

Gebot abgeben

Im Jahr 1929 reiste Wilhelm Thöny erstmals nach Paris und war fasziniert vom Kunstleben und Flair der französischen Metropole. 1931 folgte seine Übersiedlung nach Paris, wo er sehr glückliche und künstlerisch äußerst produktive Jahre verbrachte, bevor er 1938 mit seiner jüdischen Frau Thea nach New York emigrieren musste.

Paris stellt sich für Thöny als "brausende, tausendfältig schöne und interessante Stadt" dar, "formvollendet und positiv" (Brief Wilhelm Thöny an Paula Haimel, 28.11.1931, vgl. Kat. Neue Galerie Graz, S. 195). Inspiriert von der Atmosphäre der Stadt, den intensiven Seherlebnissen und in Auseinandersetzung mit der französischen Avantgarde kommt es zu einem bemerkenswerten Wandel der Bildsprache: das dunkle Kolorit und der schwermütige Tenor der Grazer Jahre weichen einer hellen frischen Farbpalette, die eine heitere Grundstimmung vermittelt. Der Pinselduktus wirkt leicht und flüchtig. In einem Brief an Alfred Kubin schreibt Thöny aus Paris: "Als Maler glaube ich (koloristisch) das richtige zu tun, noch hier zu bleiben, meine Farben waren allzu finster, ja hoffnungslos schwer." (Brief Wilhelm Thöny an Alfred Kubin, 15.05.1934, vgl. Kat. Neue Galerie Graz, S. 311)

Die vorliegende Ansicht des Glockenturms Saint-Jacques, einer bedeutenden Sehenswürdigkeit der Pariser Metropole, steht charakteristisch für diese wichtige Schaffensperiode Thönys. Die Kathedrale Saint-Jacques war ursprünglich die Kirche der Fleischer, deren Schlachtereien in den nahe gelegenen "Les Halles" stattfanden. Die dem Heiligen Jakob geweihte Kirche diente aber vor allem als Versammlungsort für Pilger auf dem Jakobsweg. Die einst wichtige Kathedrale fiel den Unruhen der französischen Revolution zum Opfer und wurde 1797 zerstört, lediglich der imposante, mehr als 50 Meter hohe Glockenturm blieb bestehen. Heute zählt "La Tour Saint-Jacques" zum Weltkulturerbe der UNESCO. Das Interesse des Malers gilt der atmosphärischen Erscheinung des spätgotischen Turms, der vor einem hell flimmernden, blau-weißen Wolkenhimmel majestätisch und ewiggültig in die Höhe ragt, während das ihn umgebende, von oben gesehene Stadtviertel des 4. Arrondissements schemenhaft angedeutet bleibt und flüchtig erscheint. Die an vielen Stellen sichtbar werdende Leinwand als Bildträger erhält bei Thöny darstellende Funktion, sie wird zum intergralen Element der Bildkomposition und akzentuiert das leichte und flüchtige Moment der Malerei.
(Claudia Mörth-Gasser)