Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

08. Dezember 2022, 15:00 Uhr

2010

Gustav Klimt

(Wien 1862 - 1918 Wien)

„Stehend nach links, Studie zum Bildnis von Margaret Stonborough-Wittgenstein“
1904
Schwarze Kreide auf Papier; gerahmt
55,1 x 35,3 cm
Verso Sammlerstempel Viktor Fogarassy sowie Johanna Zimpel

Provenienz

Nachlass des Künstlers, Johanna Zimpel-Klimt, Wien;
Viktor Fogarassy, Graz;
Privatsammlung, Berlin;
österreichischer Privatbesitz

Ausstellung

1973 Innsbruck und Graz, Galerie im Taxispalais und Kulturhaus, Gustav Klimt, Egon Schiele. Zeichnungen und Aquarelle, Nr. 2, Abb. S. 12;
1978 Wien, Galerie Würthle, Gustav Klimt. Zeichnungen, Nr. 33;
1978 Klagenfurt/Graz/Salzburg/Linz, Galerie im Stadthaus/Kulturhaus der Stadt/Museumspavillon im Mirabellgarten/Neue Galerie, Gustav Klimt. Zeichnungen (ohne Kat.)

Literatur

Alice Strobl, Gustav Klimt. Die Zeichnungen 1904-1912, Band II, Salzburg 1982, Nr. 1248, Abb. S. 37

Schätzpreis: € 70.000 - 140.000

Gebot abgeben

Im zeichnerischen Werk Gustav Klimts nehmen die zahlreichen Studien zum Bildnis Margarethe Stonborough-Wittgenstein (1905, München, Bayerische Staatsgemäldesammlung) einen besonderen Stellenwert ein. Die 23-Jährige war Mitglied einer berühmten Familie: Ihr Vater war Karl Wittgenstein, ein wichtiger Mäzen der Wiener Secession, der Philosoph Ludwig und der Pianist Paul Wittgenstein waren ihre Brüder. Ihr 1905 fertiggestelltes Bildnis gehört zu den Höhepunkten von Klimts "Goldenem Stil". Die Zeichnungen entstanden nachweislich im Jahr 1904, in dem Klimt - parallel zur Wende zum "Goldenen Stil" seiner Gemälde - vom gelblichen Packpapier auf eine edlere, hellere Papiersorte überwechselte; diese Blätter weisen auch ein größeres Format auf. Gleichzeitig vollzog sich in seinen Zeichnungen der Übergang von der weichen, schwarzen Kreide zum metallisch schimmernden Bleistift. Von diesem Übergang zeugen die Studien für das Bildnis Stonborough-Wittgenstein, in denen Klimt abwechselnd mit schwarzer Kreide, mit Bleistift sowie mit rotem oder grünem Farbstift experimentiert hat.

In den meisten Blättern variierte Klimt die Grundposition des aufrechten Stehens. Immer wieder fixierte er die Figur monumental in der Fläche, indem er sie an der Ober- und Unterseite von den Papierrändern überschneiden ließ. Diese Formel führte zu einem charakteristischen Spannungsverhältnis zwischen greifbarer Nähe und hoheitsvoller Distanz. In der hier gezeigten Studie richten sich die Augen der geistig aufgeschlossenen jungen Frau unmittelbar auf den Künstler. Im Gemälde hingegen kommt es durch den seitwärts in die Ferne gerichteten Blick der Porträtierten zu einer wesentlich größeren Distanz zwischen ihr und den Betrachtenden.

In dieser Zeichnung arbeitete Klimt noch mit schwarzer Kreide auf dem bereits neuen Papier, wodurch sich kontrastreiche Effekte ergaben. Alice Strobl reihte das Blatt in die frühesten Versuche ein, bei denen es Klimt vor allem um eine ruhig gliedernde, monumentale Erfassung der Gestalt und ihrer Bekleidung gegangen ist. In den darauffolgenden Studien richtete sich sein Interesse zunehmend auf die Beschaffenheit und die Oberflächenwirkung von fein gemusterten, transparenten Stoffen. Diese neue Orientierung fand im gemalten Bildnis ihren berühmten Niederschlag.
(Marian Bisanz-Prakken)