Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

08. Dezember 2022, 15:00 Uhr

2002

Gustav Klimt

(Wien 1862 - 1918 Wien)

„Entwurf für die Reinzeichnung "Oper"“
1883
Bleistift, Feder mit schwarzer Tinte auf Papier; gerahmt
53 x 38 cm
Signiert oben am linken Rand: G. Klimt
auf der Rückseite zehn verschiedene Studien in schwarzer Kreide: vier Entwürfe zu einer Supraporte, Frauenkopf im Profil nach links, Brustbild einer Dame im Profil nach links, und im unteren Rand eine eigenhändige (?) Anmerkung in Bleistift: "Mirzl und Dreher 1884 / 1884 / ehe (?) Gustav Klimt / Karoline Holdefreund (?) Lieber Hans", in der Mitte: "ich", "333333 3489 33",
Nachlass-Stempel (Sammlung R. Zimpel)

Provenienz

Christian M. Nebehay, Wien;
österreichischer Privatbesitz

Ausstellung

1963 Wien, Ch. M. Nebehay, Gustav Klimt. Eine Nachlese. 70 bedeutende Zeichnungen, Wien 1963, Nr. 6;
1970 Darmstadt, Mathildenhöhe, 3. Internationale der Zeichnung, Nr. 12;
1981 Hamburg, Hamburger Kunsthalle, Experiment Weltuntergang. Wien um 1900, Nr. 11 ("Heilige Cäcilie – Allegorie der Oper")

Literatur

Christian M. Nebehay (Hg.), Gustav Klimt. Eine Nachlese. 70 bedeutende Zeichnungen, Ausst.-Kat. Nr. VI., Wien 1963, Nr. 6;
Fritz Novotny/Johannes Dobai, Gustav Klimt, Salzburg 1967, S. 380;
Christian M. Nebehay, Gustav Klimt Dokumentation, 1969, Abb. 102;
3. Internationale der Zeichnung, Ausst.-Kat., Darmstadt, Mathildenhöhe 1970, Nr. 12 (Abb.);
Alice Strobl, Gustav Klimt. Die Zeichnungen. 1878-1903, Band I, Salzburg 1980, S. 34 und 35 (Abb.), Nr. 69;
Experiment Weltuntergang. Wien um 1900, Ausst.-Kat., Hamburger Kunsthalle, Hamburg 1981, Nr. 11 ("Heilige Cäcilie – Allegorie der Oper") mit Abb.;
Christian M. Nebehay, Gustav Klimt. Von der Zeichnung zum Bild, Wien 1992, S. 23, Abb. 17;
Barbara Sternthal, Gustav Klimt. Mythos und Wahrheit, 2006, Abb. S. 8;
Marian Bisanz-Prakken, Gustav Klimt. Drawings. Wienerroither & Kohlbacher (Hg.), Wien 2018, Nr. 4

Schätzpreis: € 50.000 - 100.000

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Diese Entwurfszeichnung entstand für die Allegorie „Oper“ (1883), eine der fünf bildhaft gezeichneten Kompositionen, die Gustav Klimt – zusammen mit zwei Ölgemälden – zwischen 1880 und 1884 für das historistische Serienwerk „Allegorien und Embleme“ geschaffen hat. Zu diesem ehrgeizigen Projekt hatte der Herausgeber Martin Gerlach eine große Reihe von arrivierten wie auch jungen, aufstrebenden Künstlern aus Deutschland und Österreich eingeladen, unter ihnen Gustav Klimt. Für den noch unbekannten Künstler war die Beteiligung an dieser Publikation eine einmalige Gelegenheit, sein Talent als vielseitig begabter Zeichner unter Beweis stellen zu können.

In Klimts Allegorie „Oper“ (Strobl 70) wird die zentrale Darstellung einer Sängerin, begleitet vom lyraspielenden Gott Apoll, von einem üppigen Phantasierahmen im Stil der italienischen Hochrenaissance umschlossen. Außer der vorliegenden, mit zartem Bleistift ausgeführten Entwurfszeichnung – in der die Figur des Apoll noch nicht aufscheint – sind uns ein weiterer, mit Feder gezeichneter Kompositionsentwurf (Strobl 3239) sowie mehrere Studien für die Hauptgestalten und die sich rundherum tummelnden oder musizierenden Kleinkinder bekannt (Strobl 57-68).

Der Kontrast zwischen der formelhaften Stellung der Sängerin und der extremen Beweglichkeit der nackten Kleinkinder offenbart sich in der hier gezeigten Entwurfszeichnung. In der Kunst des Historismus sind Putti ein vielfach belebendes Motiv, so auch beim jungen Gustav Klimt. Die zahlreichen nach dem Leben gezeichneten Studien von Säuglingen und Kleinkindern zeugen von seiner besonderen Intuition für die natürliche Beweglichkeit, aber auch für den psychologischen Ausdruck der kleinen Modelle. In der Allegorie „Oper“ und in deren Entwurfszeichnungen wirken Klimts Kinderfiguren sogar als die heimlichen Hauptdarsteller, deren eigenständige Aktivitäten ihr zartes Lebensalter bei weitem übersteigen. Dieser innere Widerspruch kennzeichnet bereits die Putti der Renaissance – die unverkennbaren Modelle für die historistischen Kinderfiguren, denen Gustav Klimt in seinen Zeichnungen neues Leben eingehaucht hat.
(Marian Bisanz-Prakken)