Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

08. Dezember 2022, 15:00 Uhr

2051

Herbert Boeckl*

(Klagenfurt 1894 - 1966 Wien)

„Ansicht von Nikolsburg II“
1945
Öl auf Leinwand; gerahmt
99 x 122 cm
Signiert und datiert rechts unten: Boeckl 45

Provenienz

Kitty Taquey, Washington, D. C.;
Galerie Weninger, Wien;
österreichischer Privatbesitz

Ausstellung

1946 Wien, Akademie, Herbert Boeckl. Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, 07.04.-19.05., Nr. 93;
2010 Klagenfurt, Museum Moderner Kunst Kärnten, Herbert Boeckl. Retrospektive, 18.02.-15.05.

Literatur

Otto Benesch, Albert Paris Gütersloh, Otto Mauer u. a., Boeckl, Wien 1947, Nr. 58, s/w-Abb.;
Claus Pack, Der Maler Herbert Boeckl, Wien/München 1964, Nr. 184;
Gerbert Frodl, Herbert Boeckl. Mit einem Werkverzeichnis der Gemälde von Leonore Boeckl, Salzburg 1976, Nr. 287, S. 206, o. Abb. (bzw. s/w-Abb. S. 204, dort fälschlicherweise als Nr. 272, Ansicht von Nikolsburg I, angeführt);
Agnes Husslein-Arco (Hg.), Herbert Boeckl. Retrospektive, Katalog mit Werkverzeichnis der Ölbilder, Skulpturen, Fresken und Gobelins, Belvedere Wien, 21. Oktober 2009 - 31. Jänner 2010, Nr. 318, Abb. S. 381

Schätzpreis: € 150.000 - 250.000

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1943 verbringt Herbert Boeckl den Sommer in Nikolsburg in Südmähren unmittelbar hinter der niederösterreichischen Grenze, wo eine Serie von Arbeiten entsteht. Zwei Jahre später greift er das Thema wieder auf und malt die großen Ölbilder „Nikolsburg I“ und „Nikolsburg II“, die die Stadt aus jeweils derselben Perspektive in unterschiedlichen Licht- und Farbstimmungen zeigen.

Als einer von drei Professoren der Akademie der bildenden Künste verbleibt Herbert Boeckl auch 1945 im heiß umkämpften Wien, während seine Familie Zuflucht in Afritz am See in Kärnten gesucht hat. Unbeirrt arbeitet er in seinem Atelier in der Argentinierstraße weiter, auch wenn die großen Scheiben durch die Erschütterungen aufgrund der Bombeneinschläge zu Bruch gegangen sind: „…die Witterung ist jetzt sehr rau, eisige Kälte im ungeheizten Raum. Heute war Schneegestöber bei beißendem Wind. Die Flocken wirbelten bis in die Mitte des Zimmers“, schreibt der Künstler im März (Agnes Husslein-Arco (Hg.), Herbert Boeckl. Retrospektive, Ausstellungkatalog, Belvedere, Wien 2009/2010, S. 413). Nach der Wiederaufnahme des Akademiebetriebs im schwer beschädigten Gebäude am Schillerplatz, wohnt Boeckl, der zum Rektor ernannt worden war, sogar zeitweise dort.

Nikolsburg (tschechisch: Mikulov) liegt am Fuß der Pollauer Berge. Die Landschaft ist geprägt von Karstformationen. Die Stadt, ein alter Burgort, der als Handelsplatz an der „Böhmischen Straße“ und der „Bernsteinstraße“ gelegen große Bedeutung hatte, liegt malerisch eingebettet zwischen dem Schlossberg und dem Heiligen Berg, der mit der Kuppelkirche zum Hl. Sebastian von weitem sichtbar ist. Herbert Boeckel hat das prägnante Stadtpanorama mit seinen unverkennbaren Sehenswürdigkeiten festgehalten. Stilistisch steht das Bild am Übergang zum stärker abstrahierenden Spätwerk, zu einer „geometrisierenden Farbflächenmalerei“ (Husslein, S. 256). Während der Maler ab 1945 zusehends Elemente des Kubismus einfließen lässt, ist es davor Paul Cèzannes Farbfleckenmalerei, die, wie der Franzose es nennt, „Modulation“ mittels einzelner Bausteine – „taches“ aus Form und Farbe, Licht und Dunkelheit, Malerei und Zeichnung –, die ihn inspiriert. In einem „intensiven Vibrato an Farbflecken, Strichen und Modellierungen“ lässt Herbert Boeckl die Formen seiner Landschaften „zu eigenständigem Leben erwachen“ (Husslein, S. 207) und erweist sich dabei als einfühlsamer, durchaus eigenständiger Neuinterpret der Kunst des großen Franzosen. Dieses wundervolle Bild strahlt eine ungebrochene Lebensfreude aus, die nichts von der schwierigen Zeit, in der es entstanden ist, erahnen lässt. Im Gegenteil wird die positive Grundstimmung noch durch die lebendige Farbgebung und die Dominanz der hoffnungsvollen Blautöne unterstrichen. Es ist das Heraufbeschwören einer Idylle, die sich der Künstler wohl in diesen dramatischen Kriegsjahren herbeigesehnt und herbeigemalt hat.
(Sophie Cieslar)