Auktionshaus

Auktion: Jugendstil & Design

07. Dezember 2022, 18:00 Uhr

1313

Josef Hoffmann

(Pirnitz 1870 - 1956 Wien)

„Luster aus der Villa Otto Böhler“
Wiener Werkstätte, 1918
Messing, getrieben; Holz, teilweise vergoldet; Kristallglas; 6-flammig
H. 116 cm; Dm. 60,5 cm
Wir danken Frau Dr. Rossberg (MAK) für Ihre Unterstützung.

Literatur

Wiener Werkstätte-Archiv, MAK Wien: Modellbuch der Wiener Werkstätte, Modellnr. 2859 (Entwurfszeichnung); Inv. Nr. WWF 98-92-4 (Zeitgenössisches Foto)

Schätzpreis: € 50.000 - 100.000

Gebot abgeben

Zu den treuesten Freunden und Kunden Josef Hoffmanns zählten der Industrielle Dr. Otto Boehler und seine Familie. Diese besaß vor dem Ersten Weltkrieg Stahlwerke im gesamten damaligen Österreich und stand in engem freundschaftlichen Kontakt zu verschiedenen Größen der österreichischen Kunst- und Kulturszene.
Josef Hoffmann verband eine langjährige Freundschaft mit der Familie und plante und gestaltete für Dr. Otto Boehler eine Villa neben dem Stahlwerk in Kapfenberg sowie für dessen Sohn und Maler Hans Boehler mehrere Einrichtungen von Ateliers und Wohnungen.
Josef Hoffmann hat den Luster in dem um diese Zeit praktizierten neoklassizistischen Stil gehalten. Er bildete einen Teil einer vollständigen Speisezimmereinrichtung und sollte offensichtlich so hoch hängen, dass er sowohl seitlich, als auch von unten betrachtet werden kann. Hoffmanns Entwurf verbindet raffiniert das traditionelle Material Bleikristall mit modern-reduzierten Elementen. Die getriebene Messingvignette mit dem damals für Hoffmann typischen Glockenblumenmotiv verdeckt nicht nur die direkte Sicht auf die Glühbirnen, sondern wirft durch die Beleuchtung ein florales Schattenbild nach unten. Dieser Effekt, Licht nach unten strahlen zu lassen, wurde erst durch die Einführung elektrischer Beleuchtung ermöglicht.
Vom heutigen Besitzer wurde der Luster vor ca. 40 Jahren direkt von der Familie Boehler erworben.

Josef Hoffmann und die Familie Boehler

Hans Boehler wird 1984 als Dritter von vier Söhnen der begüterten Industriellenfamilie Boehler in Wien geboren. Der Vater, Dr. Otto Boehler, ist erfolgreicher Unternehmer in der Stahlindustrie, die Famiie ist in der Wiener Gesellschaft als Kunstförderer und Musikliebhaber etabliert. Schon in der Jugend übt sich Hans unter Anleitung seines Vaters im Zeichnen. Mit 18 lässt er ihn in der Malschule Jaschke einschreiben. Später bewirbt sich Hans Boehler um die Aufnahme an der Akademie, wo es ihn aber nur ganze zwei Tage hält. Die düstere Atmosphäre und die zu geringen Anforderungen behagten ihm nicht.
In der Folge bildet er sich autodidaktisch weiter.

1908 wird von Josef Hoffmann auf den Heumarkt Gründen in nur wenigen Monaten ein Gebäude für eine Kunstschau errichtet. Dieses ist jedoch an die sofortige Entfernung nach Beendigung der Ausstellung gebunden, da mit dem Bau des Konzerthauses begonnen werden soll. Präsident ist Gustav Klimt und Mitorganisator Carl Moll. Auf dieser aufsehenerregenden Kunstschau tritt auch Oskar Kokoschka erstmals in Erscheinung. Hans Boehler ist mit einem Damenbildnis vertreten. Josef Hoffmann stellt eine erste Begegnung von Boehler mit Egon Schiele her.
Bei einer Ausstellung in der Secession tritt Böhler mit dem Gemälde „Stehender weiblicher Akt" in Erscheinung. Modell stand ihm ein achtzehnjähriges Mädchen namens Friederike Beer. Boehler und „Frizi“ kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Die entstandene Liebesbeziehung wird in der Folge starken Einfluss auf den Lebensverlauf der Beiden ausüben.

Der inzwischen befreundete Josef Hoffmann richtet nun Hans Boehlers Atelier in der Gußhausstraße 16 ein. Auf der zweiten Kunstschau, welche wieder im gleichen Ausstellungsgebäude zustande kommt, da der Baubeginn des Konzerthauses verschoben wurde, beteiligt sich Boehler mit einem weiteren Ölgemälde. Er schließt sich der „Neukunstgruppe“ um Egon Schiele, Albert Paris Gütersloh, Oskar Kokoschka, Franz Wiegele, Josef Hoffmann und Anton Faistauer an und stellt mit ihnen im Wiener „Kunstsalon Pisko" aus. 1910 findet die „Internationale Jagdausstellung" statt. Im Ausstellungsraum der Klimtgruppe, der von Josef Hoffmann gestaltet wurde und nur quadratische Bildformate zulässt, ist Boehler ebenfalls vertreten.
In dieser Zeit lässt Dr. Otto Boehler in Kapfenberg ein Wohnhaus neben den Stahlwerken in der Mariazellerstraße 32 erbauen. Josef Hoffmann ist Architekt und Wiener Werkstätte Ausstatter der luxuriösen Villa.

Sowohl die Eltern von Fritzi als auch von Hans stellen sich gegen die Liaison von Hans und Fritzi. Die Familien entschließen sich, die beiden ins Ausland zu schicken, in der Hoffnung, dass die Verbindung sich von selbst lösen würde. Auf Wunsch des Vaters tritt Hans Boehler seine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn über Moskau nach China an. Zwei ereignisreiche Jahre verbringt er in Asien.
Hans vereinbart mit seinem Bruder Richard eine Überfahrt von China nach Japan zur Boehler Repräsentanz. Er trifft rechtzeitig am Hafen ein, das Schiff war jedoch voll ausgebucht und vorzeitig ausgelaufen. Er ergreift die nächste Möglichkeit und erfährt in Tokio, dass das vorige Schiff vermeintlich mit seinem Bruder im Sturm gesunken war. Doch auch Richard hatte das Schiff versäumt und sie treffen sich überglücklich. Hans kehrt über Korea nach Peking zurück und verbleibt dort ein weiteres Jahr.

Dann erreicht ihn ein Telegramm von Fritzi Beer, in welchem sie ihm ihre Grojährigkeit mitteilt: „... jetzt bin ich freil!! ...“. Friederike Beer war in der Zwischenzeit von ihrer Mutter nach England und Belgien beordert worden, wo sie in verschiedenen Firmen als Sekretärin arbeitet. Zuvor hat sie in Wien eine Schauspielausbildung absolviert. In Stuttgart soll sie wieder für ein Boulevardstück engagiert werden, benötigt aber die Großjährigkeit, die sie dem Gesetz nach erst mit vierundzwanzig erlangen würde. Da bei Nichterfüllung der schauspielerischen Verpflichtungen die Erziehungsberechtigten für den Schaden aufkommen sollten, erklärt die Mutter ihre Tochter für großjährig. Fritzi, denkt nicht daran das Engagement anzutreten, sondern reist nach Wien, um Hans zu erwarten. Auch von seiner Seite her ist die Zuneigung nicht erloschen. Mit seinem Bruder reist er von China über Indien zurück nach Wien.
Kurz nach seiner Rückkehr stirbt der Vater. Dieser schmerzliche Verlust wird Hans umso bewusster, denn letztlich war es neben seinem Bruder Richard vor allem der Vater, der Verständnis für seine künstlerischen Ambitionen hatte und ihn von den Boehler-Geschäften dispensierte; er war es, der es ihm ermöglichte, eine Laufbahn als Künstler ohne materielle Sorgen einschlagen zu können.
Als Schweizer Staatsbürger ist Hans vom Militärdienst befreit. Für Fritzi lässt er von Josef Hoffmann in der Laimgrubengasse 4 eine Wohnung einrichten, in die auch ein Teil seiner Kunstsammlung gebracht wird. Er selbst fügt sich dem Wunsch seiner Geliebten und wird in deren Wohnung nicht eine einzige Nacht verbringen. Er sorgt aber großzügig für ihren Unterhalt. Nach wie vor beharrt er auf dem einmal gefassten Entschluss nicht zu heiraten, wenn auch der familiäre Widerstand gegen diese emanzipierte, charmante und gebildete Frau durch den Tod des Vaters beseitigt ist. Auch die Erkenntnis, das „wirklich Weibliche", das er Zeit seines Lebens sucht, nur „einmal!“ in der Person von Friederike Beer gefunden zu haben, ändert seinen Entschluss nicht.

Zur gleichen Zeit richtet er mit Hilfe von Josef Hoffmann sein Atelier auf der Linken Wienzeile 52 ein. „… wir gingen zusammen zu Hans Böhler ins Atelier...", berichtet Egon Schiele in einem Brief an seine Mutter, „… ich sah außerordentlich schöne Bilder, die er ... von Südamerika mitbrachte ...", und beschreibt seinen Eindruck von Boehler's Arbeiten, die während seiner Weltreise entstanden sind. Fritzi erteilt Schiele den Auftrag, sie zu malen. Sie trägt ein Wiener Werkstätten-Kleid, worauf Schiele kleine bolivianische Wollfigürchen arrangiert hat. Durch die enge Freundschaft mit Hans überlässt ihr Schiele das großformatige Ölbild um einen „Spottpreis von 600 Kronen, den ich von meinem Körberlgeld zahlen konnte". Zusammen mit Schiele und Jungnickel fahren sie nach Krumau. Sowohl Heinrich als auch Hans erwerben Arbeiten von Schiele und unterstützen ihn damit.

Durch Hans lernt Fritzi im Laufe der Jahre zahlreiche Künstlerpersönlichkeiten kennen, mit denen sie freundschaftlich verbunden ist. So auch Gustav Klimt. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, von ihm gemalt zu werden. Worauf dieser meint, sie sei ohnehin erst kürzlich von einem anderen berühmten Künstler gemalt worden und damit auf das Bild seines Freundes Schiele anspielt.

In der Beziehung von Hans und Fritzi tritt eine Wendung ein. Trotz alledem erweist sich Hans Boehler als außerordentlich großzügig, indem er Fritzi die Wahl für ein Weihnachtsgeschenk zwischen einem Perlenkollier von Köchert und einem Klimt-Portrait überlässt. Sie entscheidet sich für das Klimt-Portrait, und begibt sich erneut in das Atelier des Künstlers. Erst nach vielen Sitzungen, in denen eine große Anzahl von Studien entstehen, entschließt sich Klimt mit den Worten „... so werde ich Sie malen.“ Dieser spontane Entschluss kommt durch die folgende Begebenheit zustande: Fritzi trägt über einem Werkstätten-Kleid einen Iltismantel. Aus einer Laune heraus dreht sie das farbenprächtige WW-Seidenfutter nach außen, welches Klimt zu seiner endgültigen Komposition inspiriert. Bedingt durch die Kriegszeit verlangt Klimt von Böhler die Bezahlung in Schweizer Goldfranken aus Angst vor einer drohenden Inflation. Friederike Beer Monti spricht später von 36.000 Goldfranken, die Hans für das Bild gezahlt haben soll, „... wofür ich am Genfer See eine schöne Villa bekommen hätte!“ Die Herausgabe des fertigen Werkes verzögert Klimt immer wieder, weil er von der Persönlichkeit Fritzi's angetan ist und auf ihre Besuche wert legt. Klimt vertröstet Boehler stets, er müsse Änderungen vornehmen. Hans verliert die Geduld, begibt sich eines Tages mit zwei Trägern zu Klimt und lässt das Bild abtransportieren. Dieser Portraitauftrag war das Abschiedsgeschenk. Die bis dahin stürmisch verlaufende Liebesbeziehung wird sich innerhalb der kommenden Jahre in eine lebenslange, tiefe Freundschaft verwandeln.

Der von uns angebotene Luster ist vor 40 Jahren direkt aus der Familie Boehler angekauft worden.

Hoffmanns Entwurf verbindet raffiniert das traditionelle Material Bleikristall mit modernen Metall Elementen. Der Luster, der aus einem Kettenkonstrukt und einem dazu in Kontrast stehenden Korpus besteht, zeichnet sich auch durch seine Lichteffekte aus. Nach unten hin verbindet die Bleikristallbänder eine runde, gehämmerte Messingvignette mit floral ausgeschnittenem Motiv. Die Platte mit dem für die damaligen Entwürfe Hoffmanns typischen Glockenblumenmotiv verdeckt nicht nur die direkte Sicht auf die Glühbirnen, sondern wirft durch die Beleuchtung von oben ein florales Schattenbild. Dieses verbindet sich mit dem durch das Bleikristall bewegten Lichteffekt des Lusters.

Literatur

Wiener Werkstätte-Archiv, MAK Wien: Modellbuch der Wiener Werkstätte, Modellnr. 2859

Martin Suppan, Hans Böhler. 1884-1961. Leben und Werke