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Auktion: Alte Meister

06. Dezember 2022, 15:00 Uhr

0018

Antonio Campi

(Cremona 1523 - 1587 Cremona )

„Porträt eines Uhrensammlers“
um 1550
Öl auf Leinwand
110,5 x 77 cm

Provenienz

Sammlung Wilhelm Ofenheim (1860-1932), Wien;
Privatsammlung, Wien

Literatur

Stephan Poglayen-Neuwall, The Wilhelm Ofenheim Collection, in: Apollo. A Journal of the Arts, August 1930, S. 128, S/W-Abb. IV (als "by an imitator of G.B. Moroni")

Wir danken Prof. Marco Tanzi für seine wissenschaftliche Unterstützung bei der Katalogisierung.
Gutachten von Prof. Marco Tanzi, Cremona, 24. Oktober 2022, liegt bei.

Schätzpreis: € 35.000 - 70.000

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Das herausragende Porträt war bislang der Forschung nur durch eine 1930 publizierte Schwarzweiß-Abbildung bekannt. Marco Tanzi konnte es nun jedoch als Werk Antonio Campis identifizieren und bezeichnete es als ein authentisches Meisterwerk und wichtigen Beitrag zur Cremoneser Porträtkunst im 16. Jahrhundert.
Antonio Campi entstammte einer der bedeutendsten Künstlerfamilien in Cremona. Er war der Sohn von Galeazzo Campi (um 1475-1536) und der Bruder von Giulio (1502-1572) und Vincenzo (1536-1591) Campi, mit denen er gemeinsam die Cremoneser Malerei entscheidend prägte. Neben sakralen Werken, wie das 1546 datierte Altarbild der „Hl. Familie mit hl. Hieronymus und einem Stifter (Guibaldo Possevino)“, ist die Tätigkeit Antonio Campis auch als gefragter Porträtist bereits in zeitgenössischen Quellen dokumentiert. So berichtet beispielsweise Alessandro Lamo 1584 von einem Porträt Campis „Danese Filiodoni“, den Bürgermeister von Cremona, Senator und Großkanzler des Staates Mailand, darstellend. Auch in dem von Antonio Campi im Jahre 1585 erschienenen und seiner Heimatstadt gewidmeten Buch „Cremona fedelissima città et nobilissima colonia de romani…“ sind neben Ansichten auch die Porträts der führenden Persönlichkeiten präsentiert.

Anhand der Modellierung der Gesichtszüge und der malerischen Umsetzung steht vorliegendes Gemälde Campis „Porträt eines Prälaten“ in der Gallerie Spada, Rom, und „Porträt eines älteren Edelmannes“ in Privatbesitz besonders nahe. Auch im „Bildnis eines jungen Mannes aus der Familie Piperari“ sind diese charakteristischen Verwandtschaften sichtbar, obwohl der eine Dargestellte verträumt in die Leere sieht und sich der Uhrensammler ganz bewusst ‚wie in eine Kamera blickend‘ dem Maler und Betrachter gegenüberstellt. Ein ebenso eindringlicher Blick findet sich im „Porträt eines älteren Mannes mit Brief und Handschuhen“, heute im Cleveland Museum of Art, Cleveland. (vgl. M. Tanzi, Antonio Campi: il Ritratto di prelato n. 182 della Galleria Spada, in: Studi di Storia dell’arte in onore di Fabrizio Lemme, Hg. von F. Baldassari, A. Agresti, Rom 2017, S. 81-88, Abb. 1,2,3 & 5).

Marco Tanzi datiert das Gemälde um die Mitte des 16. Jahrhunderts, verweist jedoch darauf, dass es noch kraftvoller und zugleich sensibler erscheint als die oben genannten Werke mit direkter Annäherung und ohne Zugeständnisse an die Idealisierung des Dargestellten; wahrhaftig nach der Natur, aber trotzdem gekonnt schmeichelnd ausgeführt („Il Ritratto di collezionista di orologi di Antonio Campi è un dipinto allo stesso tempo più gagliardo e sensibile rispetto alle opere appena menzionate, con un approccio diretto e senza concessioni all’idealizzazione all’effigiato e contrassegnato sì dal vero di natura, ma come ancora attento alle lusinghe sofisticate della maniera.”). Es zeigt die typischen Einflüsse, die die Cremoneser Malerei prägten: Zum einen der Austausch mit Künstlern aus Bergamo, wie beispielsweise Lorenzo Lotto (1480-1557) und Giovanni Battista Moroni (um 1520-1579); andererseits aber auch die Offenheit für die Flämische Malerei, so dass der große Kunsthistoriker Roberto Longhi in der Vergangenheit Cremona auch als das „kleine Antwerpen“ der Lombardei im 16. Jahrhundert bezeichnete.

Im Dreiviertelporträt blickt der Dargestellte den Betrachter direkt an, während er in dem innigen Moment eingefangen wird, in welchem er sich vorsichtig seinen kostbaren Sammlungsstücken widmet und dabei ist die Tischuhr zu öffnen. Er ist in prunkvollem Gewand gekleidet – mit einem schwarzen Barett und einer pelzgefütterten Robe während darunter sein silbergraues Hemd mit weißen Spitzen an Hals und Ärmeln hervortritt. Durch Blick und Gesten sowie das gekonnte Spiel mit der Chromatik hebt er sich vom grauen und nicht näher definierten Hintergrund ab. Das Auge des Betrachters wird durch das leuchtend grüne Samttuch auf die stolz präsentierten Preziosen in der rechten unteren Bildecke gelenkt.

Die zwei seltenen Uhren stehen offensichtlich stellvertretend für die respektable Sammlung einer hochstehenden Persönlichkeit. Zum Einen handelt es sich dabei um eine kugelförmige Bisamapfeluhr – eine frühe, sich aus einem Riechapfel entwickelte Taschenuhr. Das wohl älteste vollständig erhaltene Expemplar findet sich heute im Walters-Art-Museum - die sogenannte 1530 gefertigte Melanchton-Uhr. Beim zweiten Stück handelt es sich um eine Tischuhr mit horizontalem Ziffernblatt, die wohl zum Schutz in einem Gehäuse verwahrt wird. Vergleichbare Uhren aus dem 16. Jahrhundert befinden sich beispielsweise im Metropolitan Museum, New York (Inv. 29.52.4) oder im Louvre, Paris (Inv. OA 675).
Als das große Produktionszentrum von Uhren und anderen wissenschaftlichen Instrumenten in der frühen Neuzeit gilt Nürnberg. Neben französischen Produktionsstätten war jedoch auch Norditalien, konkret eben Cremona, die Heimat einiger bedeutender Uhrmacher, Astrologen und Hersteller wissenschaftlicher Instrumente. Das vorliegende Porträt ist also nicht nur als malerisches Juwel der Porträtkunst zu sehen, sondern zugleich als historisches Dokument für die Entwicklung und Wertschätzung der Uhr als Sammlungsobjekt.