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Auktion: Antiquitäten

15. Dezember 2021, 14:00 Uhr

1008

Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt Altar des "Schwarzaer Meisters"

Saalfelder Schule, 1479
377 x 143 x 24 cm

€ 250.000 - 500.000

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ALTAR

Saalfeld war neben Erfurt das zweite große Zentrum der Bildhauerei und Tafelmalerei in Thüringen in den zwei Jahrzehnten vor und nach 1500. Die ehemals dort ansässigen Werkstätten und deren zahlreich hervorgegangenen Altarwerke subsumieren kunsthistorisch unter dem Begriff der "Saalfelder Schule", deren bekannteste Vertreter Valentin Lendenstreich († 1506) und der Riemenschneider-Schüler Hans Gottwald von Lohr († 1542) sind.

Der hier vorgestellte Flügelaltar ist der älteste erhaltene und datierte Altar der Saalfelder Schule. Er wurde 1479 vom "Schwarzaer Meister" für die Dorfkirche St. Laurentius zu Schwarza bei Blankenhain geschaffen, wodurch sich der Notname des Künstlers erklärt. Anfang des 20. Jahrhunderts noch als "Meister der architektonischen Baldachin-Altäre" (Voß 1905) tituliert, führte Margarete Riemschneider-Hoerner mit dem direkten Konnex des unbekannten Künstlers zu diesem Hauptwerk den Notnamen "Meister des Altars von Schwarza" ein. Als einzige monographische Arbeit über den "Schwarzaer Meister" bildet die Arbeit von Andrea Jakob zugleich die Grundlage für den hier gegebenen Überblick zu Künstler und Werk.

Über die Vita des "Schwarzaer Meisters" kann nur spekuliert werden. Ausgehend von der Datierung des Altars scheint die Annahme realistisch, dass er um 1450 möglicherweise in Ostfalen, das die heutigen deutschen Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen umfasst, geboren wurde und seine künstlerische Ausbildung dort oder in Westfalen erhielt, bevor er um 1475 nach Saalfeld kam, um eine Werkstatt zu gründen. Ihm werden von Andrea Jakob neben dem hier vorgestellten Hauptwerk als Kernoeuvre zugeschrieben: ein Relief mit der Anbetung der Könige, das vom ehemaligen Marienaltar der Saalfelder Johanniskirche stammt, sowie die maßgebliche Beteiligung an den Marienaltäre von Großkochberg, Gorndorf (datiert 1490) bei Saalfeld und Schaala.

Der Reihenfigurenaltar hat einen stufenförmig überhöhten Schrein mit passend abgetreppten Flügeln. Unter kielbogenförmigen Maßwerkbaldachinen mit Kreuzrippengewölben steht im mittleren Gefach Maria auf der Mondsichel mit dem Kind in einer Strahlenglorie vor einem blauen, mit Sternen besetzten Hintergrund. Zu ihren Seiten in Dreiergruppen zwölf kleinerformatige Heilige und Nothelfer. Im Mittelschrein links von innen nach außen die Heiligen Katharina, Laurentius und Petrus, im Flügel gefolgt von Juliana von Nikomedien, Andreas und Martin. Im Mittelschrein rechts von innen nach außen die Heiligen Barbara, Johannes der Evangelist und Nikolaus, im Flügel gefolgt von Georg, Gangolf und Sebastian. Die Figuren stehen auf polygonalen Sockeln mit Namensinschriften. Sie sind hinten abgeflacht und ausgehöhlt, polychrom gefasst und vergoldet, teilweise im Mittelschrein auch mit Pressbrokat belegt. Das goldene Kleid Mariens ist aufwendig graviert. Historische Abbildungen des Altars in Schwarz-Weiß aus den Jahren 1890 und 1905 bei Münzenberger und Voß zeigen links und rechts neben dem Nimbus Mariens kleine, helle Flächen – vermutlich der Kreidegrund – die auf ursprünglich vorhandene, schwebende Engel schließen lassen.

In die Flügelüberhöhungen sind Malereien musizierender Engel eingepasst. Im geschlossenen Zustand zeigt der Altar Malereien der Verkündigung an Maria und der Geburt Christi. Auf der Rückseite des Schreinkastens ist eine Inschrift, umgeben von großflächigem Rankenwerk, mit der Datierung des Altares zu lesen: "Sub anno d(om)in(i) 1479 i(n) vigi(lia) visitacionis mari(ae) co(m)pleta e(st) hoc opu(s)". Die Arbeiten am Altar konnten demzufolge am 1. Juli 1479, also dem genannten Vortag des Festes der Heimsuchung Mariens, abgeschlossen werden.

PROVENIENZ

1479 für die Dorfkirche in Schwarza bei Blankenhain / Thüringen errichtet;
1859 an den Schwarzburgischen Staatsminister Hermann Jakob von Bertrab (1818-1887) verkauft;
1887 als Vermächtnis in den Besitz des Fürsten Georg Albert von Schwarzburg-Rudolstadt (1838-1890) übergegangen;
Erbe an Günther Victor von Schwarzburg-Rudolstadt;
ab 1891 in dessen Schloss Heidecksburg, zweites Obergeschoß Südflügel; wenige Jahre später Kapelle von Schloss Schwarzburg;
nach dem ersten Weltkrieg Verkauf infolge Fürstenenteignung / Auflösung der konstitutionellen Monarchie;
holländischer Kunsthandel;
ab 1920 verschollen;
ab ca. 1960 Teil der Sammlung Dr. Wolfgang Hofstätter, Wien;
Österreichische Privatsammlung

ZUSTAND

Ergänzungen: hl. Katherina: 1 Finger, Schwert; hl. Petrus: 5 Finger, 2 Schlüssel; hl. Martin: 2 Finger, Schwert; hl. Gangolf: 1 Arm mit Hand, Lanze, Fußspitze; hl. Laurentius: 6 Finger, Rost; hl. Johannes: Kelch; hl. Sebastian: Fußspitze, Palmzweig; hl. Georg: Fußspitze, Lanze, Drachenschwanz; hl. Nikolaus: Bischofsstab; hl. Andreas: 4 Finger, Buch, Andreaskreuz; Maria mit Kind: Szepter, 1 Hand, 5 Finger, 2 Zehen, Weltkugel, Teile der Marienkrone, Sterne im Hintergrund. Teile des Baldachins.
Seit mehr als 130 Jahren fehlen zwei Krönungsengel rechts und links vom Kopf Mariens.

BIBLIOGRAPHIE

Ausst.Kat. Katalog der kunstgeschichtlichen Ausstellung zu Erfurt: September 1903. Magdeburg 1904. [hier S. 61, Kat.nr. 317]

Beissel, Stephan: Zur Kenntniß und Würdigung der mittelalterlichen Altäre Deutschlands. Bd. 2. Frankfurt a. Main 1905. [hier S. 184]

Bergner, Heinrich: Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, Heft XIXa. Amtsgerichtsbezirk Rudolstadt, in: Zeitschrift für Thüringische Geschichte und Altertumskunde, Neue Folge, Zehnter Band. Jena 1897. S. 574-586. [hier S. 581]

Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bd. 1: Mitteldeutschland. Berlin 1905. [hier S. 338]

Jakob, Andrea: Der "Schwarzaer Meister" und sein näherer Umkreis. Dipl. Leipzig 1988. [hier Kat.nr. 1]

Lehfeldt, Paul u. Voß, Georg: Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens. Fürstenthum Schwarzburg-Rudolstadt. Amtsgerichtsbezirke Rudolstadt, Stadtilm, Königsee, Oberweissbach und Leutenberg. Jena 1894. [hier S. 64 u. 75]

Lehfeldt, Paul u. Voß, Georg: Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens. Herzogthum Sachsen-Meiningen. Amtsgerichtsbezirk Meiningen. Jena 1909. [hier S. 408]

Münzenberger, Ernst F. A.: Zur Kenntniß und Würdigung der mittelalterlichen Altäre Deutschlands. Erster Band: Anfänge und Entwicklung des gothischen Flügelaltares zunächst in Norddeutschland. Frankfurt a. Main 1890. [hier S. 184, Abb. Tafel 55 Nr. 3]

Riemschneider-Hoerner, Margarete: Thüringer Altarwerkstätten der Spätgotik. o. O. 1929. [hier S. 81, 119 u. 140]

Riemschneider-Hoerner, Margarete: Die Schnitzaltäre des Saalfelder Museums, in: Festschrift Valentin Hopf zum achtzigsten Geburtstag: 27. Januar 1933. Jena 1933. S. 199-217. [hier S. 202]

Riemschneider-Hoerner, Margarete: Der Beweinungsaltar der Saalfelder Johanniskirche, in: Thüringer Fähnlein, Heft 5. Jena 1933. S. 281-283 [hier S. 282]

Stange, Alfred: Deutsche Malerei der Gotik. 9. Franken, Böhmen und Thüringen-Sachsen in der Zeit von 1400 bis 1500. Berlin 1958. [hier S. 149-150]

Voß, Georg: Thüringische Holzschnitzerei des Mittelalters und der Renaissance, in: Meisterwerke der Kunst aus Sachsen u. Thüringen: Gemälde, Skulpturen, Schnitzaltäre, Medaillen, Buchmalereien, Webereien, Stickereien, Edelschmiedekunst, hrsg. von Doering, Oscar u. Voß, Georg. Magdeburg 1905. S. 53-83. [hier S. 54-55, S. 67-71 und Abb. Tafel 81a]