Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

16. Dezember 2021, 16:00 Uhr

2046

Herbert Boeckl*

(Klagenfurt 1894 - 1966 Wien)

„Stehender Akt“
1927
Öl auf Leinwand
104 x 75 cm

Provenienz

Maria Boeckl, Wien;
Leonore Boeckl, Wien;
österreichischer Privatbesitz

Literatur

Claus Pack, Der Maler Herbert Boeckl, Wien/München 1964, Kat.-Nr. 83;
Gerbert Frodl, Herbert Boeckl. Mit einem Werkverzeichnis der Gemälde von Leonore Boeckl, Salzburg 1976, S. 179, Kat.-Nr. 100;
Agnes Husslein-Arco (Hg.), Herbert Boeckl. Retrospektive, Katalog mit Werkverzeichnis der Ölbilder, Skulpturen, Fresken und Gobelins, Belvedere Wien, 21.10.2009 - 31.01.2010, Weitra 2009, WV-Nr. 120, Abb. S. 351

€ 70.000 - 140.000

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1921 reist Herbert Boeckl nach Berlin und 1923 das erste Mal nach Paris. Auf Empfehlung von Egon Schiele hatte er einen Vertrag mit dem Wiener Kunsthändler Gustav Nebehay abschließen können. Ein monatlicher Fixbetrag sichert nun das Grundeinkommen und ermöglicht auch diese Studienreisen. In Berlin sieht der Künstler im Spätherbst 1921 eine große Cézanne-Ausstellung bei Paul Cassirer, dem großen Förderer Oskar Kokoschkas. In Paris besucht er alle großen Museen und kann sich vor den Originalen mit den Neuerungen in der damaligen Kunsthauptstadt auseinandersetzen.

Die beiden Reisen bleiben nicht ohne Auswirkung auf seine weitere künstlerische Entwicklung. Er beginnt nun die Raumperspektive aufzulösen und die Körperlichkeit vom Gegenstand zu lösen. Die Farbe wird immer mehr von einem „Darstellungsmittel zum Gestaltungsmittel“ (Agnes Husslein-Arco (Hg.), Herbert Boeckl. Ausstellungskatalog, Belvedere, Wien 2009/2010, S. 38). Herbert Boeckl trennt die Gegenstände von einer genauen Vorstellung, nimmt ihnen ihre fix vorgegebene Gestalt, um in der Ausdrucksweise flexibler zu werden. Doch der Weg in die reine Farbmaterie erweist sich als Sackgasse und er erkennt, „dass seine Deutung der Welt das Sujet benötigt, um eine Kommunikation zwischen erlebter Wirklichkeit, gemaltem Bild und dem Betrachter in Gang zu bringen“ (s.o., S. 128). In den weiteren Jahren wird er zu einer ganz eigenen Kombination von Realismus und Abstraktion finden, die seinen Rang als einen der wichtigsten österreichischen Neuerer der Kunst untermauert.

Auch in dem 1927 entstandenen „Akt“ nimmt die Farbe eine zentrale Rolle in der Bildgestaltung ein. In pastosem Auftrag gestaltet Boeckl den Körper der Frau mit seinen weiblichen Rundungen. Mittels der Farbe gestaltet er Raum und Atmosphäre, Tiefenwirkung und Fläche, Temperaturzonen und haptische Sensation. In schreitender Position ist die Frau wiedergegeben, den rechten Arm erhoben, der einen kaum sichtbaren Stock hält. In einem zeitgleich entstandenen weiteren weiblichen Akt ist dieser Stab als knorriger Ast deutlicher zu erkennen. Vorliegendes Bild ist expressiver und die Gesichtszüge der Frau prägnanter gestaltet. Erinnert die Komposition, die sinnliche Körpergestaltung und Positionierung der Frau an die barocken Aktdarstellungen Peter Paul Rubens’, so verweisen die Gesichtszüge der Dargestellten mit der spitzen Nase und den scharfen Konturlinien in Nasenrücken, Augen und Brauen auf eine Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Kubismus. Parallelen zu Pablo Picassos „Les Desmoiselles d’Avignon“ sind evident. Das Werk war 1916 erstmals in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert worden und im April 1925 in der von André Breton herausgegebenen Zeitschrift „La Révolution surréaliste“ publiziert worden. Es ist also durchaus möglich, dass Herbert Boeckl das Bild vor der Entstehung des Aktes gesehen hat. Die Arbeiten der 1920er Jahre und Bilder wie dieses markieren den Weg des Künstlers in eine gänzlich eigenständige Richtung: für seine virtuose Malerei, für seine „zu plastischen Farbkörpern entwickelten Farbflecken“ (s.o., S. 38) gibt es keine eigentlichen Vorbilder.
(Sophie Cieslar)