Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

05. Mai 2021, 16:00 Uhr

0362

Ernst Fuchs

(1930, Wien - 2015, Wien)

„Die Rast der Ballerina“
1970
Kreide, Öl auf Leinen auf Tafel; gerahmt
100 x 100 cm
Rückseitig mit persönlicher Widmung und Signatur versehen.

Literatur

Ernst Fuchs, Richard P. Hartmann (Hg.), Der Feuerfuchs. Umschau, S. 151

€ 40.000 - 80.000

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Kunstvoll drapiert präsentiert sich uns die rastende Ballerina von Ernst Fuchs. Sie hat die Augen geschlossen, den Kopf in leichter Schräglage. Im Hintergrund ein geraffter Vorhang, der Assoziationen zur Bühne, zu einem Theatervorhang weckt. Ihre Arme ruhen zu beiden Seiten ausgestreckt auf der Rückenlehne des blauen Sofas. Die Beine sind in kompletter Spannung und im Kontrast zum gelösten Gesichtsausdruck in en face und en pointe-Stellung wiedergegeben: eine Position des Spitzentanzes im klassischen Ballett. Die streng vertikale Stellung der Beine und die Horizontale der Arme ergeben eine Kreuzform. Ein Bund zwischen dem Waagrechten – dem Irdischen – und dem Senkrechten, das für das Himmlische, Göttliche steht und sich im Kreuz versinnbildlicht. Leicht provokant auch die mögliche Assoziation der Frau mit dem Gekreuzigten. Wobei Ernst Fuchs hier durchaus auf frühere Ikonografien zurückgreifen kann. Schon in alten Andachtsbildern steht eine Gekreuzigte als Sinnbild einer Frau, der ihre Schönheit und Jugend zum Fluch wird, weil sie dadurch männliche Begierden hervorruft, denen sie danach nicht entkommen kann. Gleichzeitig ist auch die Darstellung einer Ballerina eine bewusste Wahl des Künstlers. Das Tanzen ist immer auch ein Akt der Befreiung, eine Möglichkeit Gefühle auszuleben und auszudrücken. Symbolisch repräsentiert Tanzen den Wirbel des Lebens, einen Strudel aus Leidenschaft, Begierde, tiefen Gefühlen und Sexualität. Nackt tritt diese Ballerina vor uns hin, sie hat keine Scheu sich dem Betrachter zu präsentieren, demonstriert aber durch ihre kreuzförmige Position auch ihre Verletzlichkeit und ihr Ausgeliefertsein.

Bewusst spielt Ernst Fuchs hier mit einer Vielzahl an möglichen symbolischen Bezügen, wie er überhaupt irrationale verschlüsselte Inhalte in seinen Bildern als Spiegelbild der verborgenen Sehnsüchte der Menschen einsetzt.
(Sophie Cieslar)