Auktionshaus

Auktion: Gemälde des 19. Jahrhunderts

17. Juni 2026, 14:45 Uhr

3152

Ferdinand Georg Waldmüller

(Wien 1793 - 1865 Helmstreitmühle bei Mödling)

„Die Briefleserin“
1860
Öl auf Holz (parkettiert); gerahmt
57,5 x 45,5 cm
Signiert und datiert rechts mittig auf der Bank: Waldmüller 1860

Provenienz

Alexander Posonyi, Kunst-Nachlass Ferdinand Georg Waldmüller, Wien 12.-15.2.1878, Los 64;
Sammlung Gottlieb (1845–1914) und Regine Bettelheim (ca. 1850–1934), Wien;
Im Erbweg an deren Tochter Rosa Lemberger (1882–1962), Wien, bis 1938;
1938 Beschlagnahmung durch die Gestapo;
Depot der Denkmalbehörde beim Unteren Belvedere (Orangerie), Wien;
1944 mit Bergungstransport nach Altaussee, Depot Salzbergwerk;
1951 Restitution an die Familie Lemberger und Ausfolgung an ihren Bevollmächtigten;
seit 1954 Privatsammlung, Deutschland

Literatur

Bruno Grimschitz, Ferdinand Georg Waldmüller, Salzburg 1957, S. 361, Nr. 931 (SW-Abb.);
Rupert Feuchtmüller, Ferdinand Georg Waldmüller. 1793-1865. Leben, Schriften, Werke, Wien/München 1996, S. 519, Nr. 1016 (Irrtum in der Provenienzangabe)

Schätzpreis: € 35.000 - 70.000
erzielter Preis: € 57.500 (inkl. Gebühren und österreichischer MwSt.)
Meistbot: € 44.000
Auktion ist beendet.

Die „Briefleserin“ verbindet Ferdinand Georg Waldmüllers erzählerisches Gespür mit seiner meisterhaften Maltechnik, die sich besonders in der Lichtführung sowie in der präzisen Wiedergabe von Stofflichkeit und Interieur entfaltet. Im Zentrum des Bildes sitzt eine junge Dame in weißem Kleid auf einem Fauteuil. Effektvoll fällt das Licht von der Seite auf die Sitzende, die einen Brief in der Hand hält. Im Hintergrund steht eine Magd, die ihr das Schreiben offenbar soeben überreicht hat. Ihr Gesichtsausdruck deutet an, dass sie um die Brisanz der Nachricht weiß, die die Herrin nun mit neugierigem Blick und einem Lächeln auf den Lippen liest.

Der Betrachter wird zum stillen Zeugen eines intimen Moments. Zugleich wird man in den Kreis jener einbezogen, die einen Blick auf den geheimnisvollen Brief werfen dürfen, dessen Schrift durch das dünne Papier schemenhaft zu erkennen ist. Ganz im Sinne des Biedermeier wird der private Innenraum des bürgerlichen Hauses zum Schauplatz des Geschehens. Waldmüller gestaltet den Innenraum mit kostbaren Stoffen, Blumensträußen und Kunstgegenständen zu einer atmosphärisch dichten Bühne. In dieser entfaltet sich ein leises Alltagsdrama, das durch seine präzise Malweise eindrucksvoll erfahrbar wird. (MLS)