3148
Ferdinand Georg Waldmüller
(Wien 1793 - 1865 Helmstreitmühle bei Mödling)
„Die Verlobung“
1857
Öl auf Holz; gerahmt (Originalrahmen)
78,5 x 95 cm
Signiert und datiert links unten am Sessel: Waldmüller 1857
Provenienz
Karl Ganahl (1807-1889), Großindustrieller in Feldkirch (Vorarlberg), laut Familienüberlieferung war Ganahl Angehöriger eines Kunst-Mäzenen-Vereins, der seine Werksankäufe durch Los auf die Mitglieder verteilte, angeblich kam Ganahl so zu vorliegendem Gemälde;
im Erbgang an dessen Tochter Isabella (1842-1910), verehelichte von Tschavoll, Feldkirch (Vorarlberg);
im Erbgang an deren Tochter Isabella (1877-1942), verehelichte Gohm, Feldkirch (Vorarlberg);
1954 im Erbgang an den derzeitigen Besitzer (Privatbesitz, Innsbruck)
Literatur
Bruno Grimschitz, Ferdinand Georg Waldmüller, Salzburg 1957, S. 351, WV-Nr. 811 (SW-Abb.);
Rupert Feuchtmüller, Ferdinand Georg Waldmüller. 1793-1865. Leben, Schriften, Werke, Wien/München 1996, S. 506, WV-Nr. 887 (SW-Abb.)
Schätzpreis: € 350.000 - 700.000
erzielter Preis: € 442.000 (inkl. Gebühren und österreichischer MwSt.)
Meistbot: € 340.000
Auktion ist beendet.
Jung und Alt, Groß und Klein, Glück, Wehmut, Sentimentalität und große Erwartungen. All diese Charaktere und Stimmungen vereinigt Waldmüller effektvoll in vorliegendem Gemälde. Großes Theater mit elf Protagonisten bietet er dem Betrachter. Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein sich stürmisch umarmendes Paar, dessen Verlobung in der Stube eines Fassbinders gefeiert wird. Der Vater hält segnend die Hand über den beiden. Neben ihm seine Frau, aufgelöst in Tränen. Im Vordergrund Großvater und Großmutter, letztere wird wiederum von der jüngsten Generation, den beiden Enkeln, liebevoll flankiert. Knabe und Mädchen interessieren sich weniger für das zukünftige Brautpaar, vielmehr führen Gesten und Blicke der Kinder zu einer jungen Frau links von den Verlobten, die zur Feier des Tages einen Gugelhupf serviert. Ganz klar ist die Vorfreude der Kleinen auf diese Köstlichkeit zu sehen. Im Hintergrund ist der Hinweis zu finden, dass sich das Geschehen im Haushalt eines Fassbinders abspielt. Durch eine offene Tür wird der Blick in die Werkstatt freigegeben. Neben einem Fass steht ein Geselle, der dem Paar einen wehmütigen Blick zuwirft. Wäre er gerne der Auserwählte der jungen Frau? Der Lehrling hingegen, mit einer großen Flasche im Arm, bringt wohl den Wein, mit welchem auf das junge Glück angestoßen wird.
Das Thema der Verlobung ist im Œuvre Waldmüllers einzigartig. Hingegen nutzte er die Werkstatt eines Binders auch schon vor 1857, dem Entstehungsjahr unseres Werkes, als Schauplatz. Es handelt sich dabei um „Die Aufnahme des Binderlehrlings“ aus dem Jahr 1852 (WV-Nr. 843), von dem es zwei Wiederholungen (1854 und 1855) gibt.
Waldmüller, ein Meister der Komposition und der Lichtregie, zeigt in diesem Spätwerk sein gesamtes malerisches Repetoire. So überzeugt er durch die gekonnte Darstellung von Stofflichkeiten, wie die täuschend echt erscheinenden rauen Lederschürzen der Handwerker, die im reizvollen Kontrast zu den feinen und farbenfrohen Stoffen der Kleidung der übrigen Personen stehen. Delikat ist auch die Beleuchtung. Das durch ein Fenster fallende Sonnenlicht wirkt wie ein Scheinwerfer, der die Figuren im Vordergrund in Szene setzt und ihre Gesichter zum Strahlen bringt. Detaillegetreu und nahe an der Wirklichkeit zeigt Waldmüller ein Ereignis im Leben einer Handwerkerfamilie, und setzt mit diesem Genrebild dem „einfachen“ Leben in der Wiener Vorstadt ein beeindruckendes Denkmal. (MS)





