Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

08. Juli 2021, 17:00 Uhr

Objektübersicht
Objekt

2302

Hermann Nitsch*

(Wien 1938)

„Schüttbild“
2012
Acryl, Blut auf Leinwand; ungerahmt
150 x 100 cm
Rückseitig signiert und datiert: Hermann Nitsch 2012

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

€ 35.000

„Ich möchte mit meiner Arbeit das Leben zeigen…Kunst ist immer der Entwurf des Werdens und des Seins und der Schöpfung.“ (Hermann Nitsch, https://www.deutschlandfunkkultur.de/aktionskuenstler-hermann-nitsch-ich-habe-durch-die-kunst.1008.de.html?dram:article_id=424927, zugegriffen am 25.5.2021)

Hermann Nitschs Kunst hat einen ausgesprochen philosophischen Ansatz. Im Sinne der Archetypen-Forschung von Carl Gustav Jung, beschäftigt er sich mit menschlichen Vorstellungs- und Handlungsmustern, die tief im kollektiven Unbewussten verankert sind. Dabei greift er auf eine christliche Symbolik ebenso zurück wie auf archaische Rituale wie den griechischen Dionysos-Kult. Themen wie Geburt, Ekstase, Opferriten, der Tod und das Wiedergeborenwerden stehen von Anbeginn im Zentrum seines Schaffens. Er will mit seiner heftigen, aufwühlenden Kunst die Menschen bis ins Innerste bewegen und in einer Katharsis gereinigt zurücklassen.

Seine Malerei, die Hand in Hand mit den Aktionen des Orgien Mysterien Theaters geht, hat ihre Wurzeln im Wiener Aktionismus und im abstrakten Expressionismus eines Jackson Pollock, dessen Drip Paintings die Malerei ab 1950 revolutionierten. Sind diese aber allein durch die Technik – Pollock bearbeitet auf dem Boden liegende Leinwände mit langsam tropfender Farbe – in all ihrer Zufälligkeit doch kalkulierter und kontrollierter, sind die Schüttbilder Nitschs, der zumeist an der Wand lehnende oder hängende Leinwände bearbeitet, viel eruptiver. Aus Kübeln wird zunächst Tierblut auf die Leinwand gegossen, dann rote Farbe als obere Schicht aufgebracht. Dadurch entsteht in den Schüttbildern Hermann Nitschs durch das Rinnen der Malmittel eine Bewegung vom oberen Bildrand zum Unteren hin. In vorliegendem Schüttbild hat der Künstler in der oberen Bildhälfte durch zusätzliches Bearbeiten mit der Hand zunächst beim darunterliegenden Blut und dann mit der roten Farbe einen großen deckenden Kreis geformt. Dadurch ist eine kompakte Form entstanden, rote verdichtete Materie, die kaum einen Farbspritzer entkommen lässt. Der Großteil der Bildenergie konzentriert sich auf diese Form, die die Schwere energiereicher Masse vermittelt, gleichzeitig aber auch über und vor den darunterliegenden Strömen schwebt.

(Sophie Cieslar)