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Auktion: Zeitgenössische Kunst

08. Juli 2021, 17:00 Uhr

Objektübersicht
Objekt

2307

Otto Muehl*

(Grodnau/Bgld. 1925 - 2013 Moncarapacho/Portugal)

„Violaine“
1986
Öl auf Leinwand; ungerahmt
190 x 140 cm
Bezeichnet, signiert und datiert rechts unten: Violaine, Muehl 9.3.86

Provenienz

Archives Otto Muehl, Portugal;
österreichischer Privatbesitz

€ 65.000

Otto Muehl gehört zu den umstrittensten Künstlern seiner Generation, nicht nur wegen seiner radikalen Kunst, sondern auch wegen seines radikalen Lebensentwurfs, den er mit Gleichgesinnten in der Kommune am Friedrichshof im Burgenland realisieren wollte. In seinem Streben nach „der Verschmelzung von Kunst und Leben“ (https://www.diepresse.com/1411649/otto-muehl-kunstler-verbrecher-demagoge, zugegriffen am 11.5.2021), hat er Grenzen überschritten und Missbrauch begangen und geduldet. „Die konkrete Arbeit an der radikalen Utopie von der Veränderbarkeit der Welt durch Kunst endete in Chaos“, in einem „despotischen, demütigenden, unterdrückenden System" (https://www.diepresse.com/1411180/kunstler-und-kommunengrunder-otto-muehl-gestorben, zugegriffen am 13.5.2021). Die Rezeption seines Werkes ist eine Herausforderung, denn der Künstler Muehl ist vom Menschen Muehl nicht komplett zu trennen. Dennoch ist die Bedeutung seines künstlerischen Werks, beginnend vom Aktionismus bis zur Neuentdeckung der Malerei, mal expressiv, mal neusachlich bis hin zu abstrakt, hervorzuheben. Das Leben an sich, mit all seinen Facetten, auch den grausamen, gewaltvollen, die wir gerne ausblenden, steht von Anfang an im Mittelpunkt seines Schaffens.

1986 war die Blütezeit der Kommune am Friedrichshof überschritten, der Streit ums Gemeinschaftseigentum hatte den Zusammenhalt geschwächt. In einer Finca auf der kanarische Insel La Gomera wagt man einen Neuanfang. In den Folgejahren bis 2002 beschäftigt sich Otto Muehl in seiner Malerei verstärkt mit Konturen. Breite Umrisslinien in Blau, Schwarz, manchmal auch Orange grenzen monochrome Farbfelder ein, die keinerlei Pinselduktus aufweisen und die Arbeiten in die Nähe der Pop-Art rücken. Die Figuren dieser Jahre wirken durch die flächige, plakative Malweise und in ihrer artifiziellen Farbigkeit wie Protagonisten eines Comics. In den Darstellungen widmet der Künstler sich den Themenkreisen Leben, Tod und Sexualität. Ein Liebespaar wird von einer Uhr erschlagen, eine nackte Frau ringt mit einem Skelett, Akte paaren sich im übertrieben dargestellten Geschlechtsakt. Jene „ungescheute Darstellung von Sexualität und sogenannter Perversion, die Auseinandersetzung mit Aggression und Gewalt“ (Otto Muehl. Sammlung Leopold, Ausstellungskatalog, Leopold Museum, Wien 2010, S. 36) sind eines der Kennzeichen des Muehlschen Oeuvres.

Die dargestellte Violaine Roussies, die 1982 in die Kommune kam, und neben Otto Muehls Frau, Claudia, zu seinem engsten Kreis zählte, lebt heute als Künstlerin in Portugal und betreut die Archives Otto Muehl in der art & life community in Faro, wo der Künstler seine letzten Lebensjahre verbracht hat. Sie ist auch Protagonistin zahlreicher Filme der Muehl-Kommune wie „Vincent“, „Andy’s Cake“ und „Picasso“. Violaine präsentiert sich aufreizend dem Betrachter. Sie ist in Untersicht wiedergegeben, man blickt aus einer tieferliegenden Position zu ihr auf. Die glatte Malweise steht im Kontrast zur emotionalen und erotischen Aufgeladenheit, zur „ungehemmten Sinnlichkeit“ (s.o. S. 36) der Szene.

(Sophie Cieslar)

Dieses Bild, "die junge Violaine" von 1986, Acryl auf Leinwand, ist eines der ersten aus den Serien der "Foto-SDs" von 1986. Man könnte diese Phase, am Friedrichshof entstanden, als eine formal klassische bezeichnen. Muehl interessiert sich in dieser Bilderserie für die Umsetzung von Zeichnung und Fotografie in die Malerei. Die Fotografie, die den Moment (Zeit, Pose, Ausdruck, Umgebung) fixiert, mit der Malerei zu verbinden, ist ein Prozess, den er immer wieder aufgegriffen hat. In dieser Serie wird das Foto auf die Leinwand projiziert, und der Künstler übersetzt es direkt mit einer klaren, energiegeladenen, farbigen Linie. In diesen Zeiten gehörten Zeichnen, Fotografieren und Filmen zum täglichen künstlerischen Programm. Bei den Besprechungen und Studien dieser Foto-Sessions standen die formalen Kriterien im Vordergrund. Kontraste und Gegensätze sind weich ineinander verwoben: großzügig angelegte und detailreiche Flächen (Gesicht, Hände, Haare), hellblaue Pastelltöne im Hintergrund und sanftes, komplementäres Ocker als Körperfarbe in zartem Kalt-Warm-Kontrast, aber auf gleicher Helligkeitsstufe. So wird der Raum aufgehoben, der Mensch in seine Umgebung integriert und mit der Welt verschmolzen.

(Violaine Roussies)