Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

08. Juli 2021, 17:00 Uhr

2312

Hermann Nitsch*

(Wien 1938)

„o.T.“
1984
Mischtechnik, Blut auf Leinwand; gerahmt
140 x 210 cm
Signiert und datiert rechts unten: Hermann Nitsch 1984
Rückseitig signiert und datiert: Hermann Nitsch 1984

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

€ 100.000 - 200.000

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„Versucht man, einen Überblick über das Schaffen von Hermann Nitsch zu gewinnen, so ist man rasch fassungslos ob seiner Dimension. Wie ein myzelischer Organismus entfaltet es sich, ins Grenzenlose wuchernd, und dennoch von einer Stringenz und Intensität, die seinesgleichen in der Gegenwartskunst sucht.“ (Hermann Nitsch. Strukturen, Ausstellungskatalog, Leopold Museum, Wien, 2011/2012, S. 6)

Tatsächlich geht das Schaffen Hermann Nitschs über sein zentrales Werk, das Orgien Mysterien Theater, weit hinaus. Im Sinne eines Gesamtkunstwerks, getragen von einem unglaublich philosophischen, theoretisch-konzeptuellen und künstlerischen Ansatz, ergänzen bildnerische und grafische Werke dieses beeindruckend vielfältige Schaffen. Aktionsmalerei, Menstruationsbindenbilder, Aktionsrelikte, Schüttbilder, Kreuzwegstationen, Architekturzeichnungen, Farbskalen und Partituren, sowie ein vielfältiges, druckgrafisches Werk sind in Sammlungen und Museen weltweit zu bewundern.

1984 markiert die Verleihung des Österreichischen Kunstpreises für Bildende Kunst einen Wendepunkt in der öffentlichen Anerkennung Hermann Nitschs. In diesem Jahr ist auch vorliegendes Bild entstanden. Blut als Saft des Lebens, als Sinnbild von Menschwerdung, Liebe, Leidenschaft und Tod ist ein wichtiges Element und wird nicht nur in den Schüttbildern des Orgien Mysterien Theaters vom Künstler gerne als Malfarbe eingesetzt. Hier bildet es mit seinem im getrockneten Zustand typischen Braunton den Hintergrund für ein Lineament aus buntfarbigen Linien, die geometrische Formen wie Rechteck, Oval und Kreis bilden, oder in kurzgesetzten Strichen parallel zueinander verlaufen. Rechts unten im Bild hat Nitsch in Rosa- und Rottönen die Lust an der strengen Geometrie verlassen, hier ufern die gesetzten Streifen ins leicht Expressive aus und scheinen sich nicht mehr an die vorgegebenen Regeln halten zu wollen. Das verweist auch auf die enorme Expressivität des Bildgrundes, die in unglaublichem Kontrast zur bunten Geometrie im Vordergrund steht. Hier versinnbildlicht sich die Dualität von Ordnung und Chaos, die uns auch in der realen Welt umgibt.

(Sophie Cieslar)