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Auktion: Zeitgenössische Kunst

08. Juli 2021, 17:00 Uhr

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Objekt

2310

Friedensreich Hundertwasser*

(Wien 1928 - 2000 vor Brisbane, Australien)

„Galerie Kamer - Frischgefundenes Labyrinth Galerie Kamer - Newly Discovered Labyrinth“
1957/58
Aquarell auf Lithographie; gerahmt
ca. 61,5 x 45,5 cm

Provenienz

Privatbesitz, Italien

Literatur

Andrea Christa Fürst, Hundertwasser 1928-2000. Werkverzeichnis-Catalogue Raisonné, Vol II., Köln 2002, S. 479; WVZ-Nr. 592 (ursprünglich 305B);
Wieland Schmied, Hundertwasser. Katalog der Kestner-Gesellschaft, Ausstellungskatalog, Hannover 1964, S. 90, 164 (noch als ursprüngliche WVZ.-Nr. 305B)

Limit € 160.000

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Der als Friedrich Stowasser geborene Künstler ist einer der wichtigsten, auch international bedeutendsten österreichischen Künstler seiner Generation. Schon früh beschreitet er eigene Wege. Die Wiener Akademie besucht er nur für wenige Monate – die Welt auf zahlreichen Reisen zu erkunden, scheint ihm sinnvoller. Hier holt er sich Inspirationen für sein Werk und hat schon früh die Möglichkeit, auch international auszustellen. In der ersten Hälfte der 1950er Jahre lebt Hundertwasser, wie er sich nun nennt, in Paris und hat dort ebenso Ausstellungen wie in Wien, Mailand und Rom. Er gehört zum Kreis um Yves Klein und Pierre Restany, ist beeindruckt vom Tachismus und seiner automatisch-gestischen Malweise, findet für sich aber einen gänzlich eigenständigen Stil. Seine künstlerischen Wurzeln liegen im Wiener Jugendstil begründet, die Nähe zu Egon Schiele wurde vergangenes Jahr in einer wundervollen Werkschau im Wiener Leopold Museum beleuchtet, in der Werke Hundertwassers jenen von Schiele gegenübergestellt wurden. Intensiv auseinandergesetzt hat sich der Künstler aber auch mit fernöstlicher Philosophie und der Malerei des Ukiyo-e (etwa „Bilder der fließenden Welt“). In einer Mailänder Schau in den frühen 1950er Jahren war er auf die berühmten Holzschnitte der japanischen Künstler Utagawa Hiroshige und Katsushika Hokusai aufmerksam geworden. Der japanische Holzschnitt mit seinen gewagten Perspektiven, der Ausschnitthaftigkeit und seiner dekorativen Flächenwirkung war schon für die Impressionisten des 19. Jahrhunderts, aber auch für Gustav Klimt und Egon Schiele wegweisend.

Über das Kompositionelle hinaus ist Friedensreich Hundertwasser aber auch der philosophische Ansatz wichtig. Die Liebe zur ursprünglichen Natur steht dabei stets im Zentrum. Früh schon wird er zu einem vehementen Verfechter des Naturschutzes und einem Kämpfer für ein ökologisches Gleichgewicht. In seiner ganz eigenen bildnerischen Ikonografie nimmt ab 1953 die Spirale, oft in labyrinthähnlicher Ausformung, eine zentrale Rolle ein. Sie ist ihm „Symbol des Lebens und des Todes“ (https://www.hundertwasser.at/deutsch/werk/malerei/malerei_diespirale.php, zugegriffen am 7.5.2021) und beschreibt den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen, ist Sinnbild unseres Weges durch die Welt. Hundertwasser ist zeitlebens ein Feind der geraden Linie, die für ihn unnatürlich und geradezu diktatorisch ist: „Mißtraut der geraden Linie… sie führt geradewegs zum Untergang der Menschheit.“ (Wieland Schmied, Hundertwasser. 1928-2000, Köln 2000, S. 173). Seine Spiralen sind keineswegs geometrische Gebilde, sondern vegetativ, sie haben Ausbuchtungen, werden dünner und dicker und fließen um Hindernisse herum. Auch in „Galerie Kamer - Frischgefundenes Labyrinth“ können wir dieses Phänomen beobachten. Vor einem dekorativ gestalteten roten und blauen Hintergrund liegt ein dichtes grünes Netz aus Irrgängen, die sich ausgehend von einem rechteckigen Umriss zur Mitte hin immer mehr zu einer spiraloiden Form verdichten. Man stößt auf unüberwindbare Mauern und gelangt zu Ausbuchtungen, die wie Blasen prall gefüllt sind mit der Farbe des Untergrundes. „Die Spiralbahnen verlaufen ähnlich wie die Mäander der Flüsse nach dem Gesetz des Wachstums der Pflanzen. Ich tue dem Ablauf keinen Zwang an, sondern lasse mich führen“, kommentiert der Künstler (Wieland Schmied, Hundertwasser. 1928-2000, Köln 2009, S. 74). Der erste Teil des Bildtitels verweist auf die Galerie Hélène Kamer, die Pariser Galerie von Friedensreich Hundertwasser. Einen Ort mit einem poetischen Titel zu verknüpfen ist typisch für den Künstler, der seine ganz eigene Realität, einen wundervoll farbigen „poetischen Kosmos“ (Schmied, Köln 2000, S. 56) zu erschaffen versteht.

(Sophie Cieslar)