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Klassische Moderne

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Objekt

0040

Gustav Klimt

(Wien 1862 - 1918 Wien)

„Rückenhalbakt (Studie im Zusammenhang mit "Die Jungfrau")“
ca. 1911-12
Bleistift auf Papier
57,2 x 37,5 cm
Nachlassstempel rechts unten

Provenienz

Privatbesitz, Mailand;
österreichischer Privatbesitz

Ausstellung

1971 München, Galerie Gebhard, Kat. XVII, S. 42 (Abb.);
1974 Turin, Galleria I Portici, Gustav Klimt e Vienna 1900, Nr. 11 (Abb.);
1974 Mailand, Galleria Cernaia, Nr. 11 (Abb.)

Literatur

Alice Strobl, Gustav Klimt. Die Zeichnungen 1912-1918, Band III, Salzburg 1984, WV-Nr. 2208, Abb. S. 29

Preis auf Anfrage

Im allegorischen Gemälde „Die Jungfrau“ (1913) setzte Klimt sich erstmals umfassend mit den verschiedenen Stadien des erotischen Bewusstseins auseinander, von denen er die weibliche Existenz gekennzeichnet sah. In diesem späten Hauptwerk wird die frontale Titelfigur von sechs Frauengestalten umkreist, deren Typen und Temperamente eine ausgewogene Programmatik aufweisen. Mit „Die Jungfrau“ verbindet sich eine Vielzahl von Aktzeichnungen, in denen sich ein breites Spektrum von seelischen und erotischen Stimmungslagen entfaltet. Die Modelle variieren von schlichter Stämmigkeit bis zu nervöser Sinnlichkeit; ihr Ausdruck reicht von introvertierter Schüchternheit bis zu höchster Ekstase. Jede Studie war ein autonomer Schritt innerhalb der Auseinandersetzung mit dieser für ihn zentralen Thematik.
Durch ihren rundlichen Körpertypus verbindet sich die vorliegende Zeichnung eines stehenden Rückenaktes mit der rechts im Gemälde sichtbaren Gestalt einer nackten jungen Frau mit schamhaft vorgebeugtem Kopf. Mit dieser Figur hängen jene Studien zusammen, in denen füllige, monumental in sich ruhende Modelle das phlegmatische Temperament vertreten und auf Schüchternheit, Scham oder inneren Rückzug verweisen. In der vorliegenden Arbeit ist die Rückenansicht, eine bei Klimt beliebte Formel für melancholisches In-sich-Gehen, von eindrucksvoller Präsenz; fast scheinen die mächtigen Körperformen aus der Bildfläche herauszubrechen. Dieser Eindruck geht auf einen für Klimt charakteristischen Kunstgriff zurück: Indem er die Beine durch den unteren Blattrand überschneiden lässt, kommt die Stehende sinnlich nah an uns heran. Gleichzeitig aber scheint die Figur auf Grund der fehlenden Bodenhaftung gewichtslos in einer unbestimmten Leere zu verharren.
Charakteristisch für die späte Schaffensphase ist der ständig wechselnde Druck des Bleistifts, mit dem Klimt die gewellten Konturen beschreibt. Das Ergebnis ist ein lebhaftes Pulsieren, besonders an jenen Stellen, an denen die Rundungen durch dichte Strichformationen verstärkt werden. Mittels der Umrisslinien weiß Klimt Volumen, Plastizität und Lichtwerte zu vermitteln, so dass die unbehandelte Hautpartie mehr zu leuchten scheint als der Papierton der leeren Umgebung. Raffiniert spielt Klimt die helle Haut und die zerknitterte, hochgeschobene Bekleidung gegeneinander aus, mit der die Konturen des teilweise sichtbaren, vorbeugten Hinterkopf organisch zusammenwachsen. Dieser Ausdruck des inneren Rückzugs geht mit der emphatischen Zurschaustellung sinnlicher Nacktheit – wie so oft bei Klimt – eine spannungsvolle Verbindung ein.
(Marian Bisanz-Prakken)