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Auktion: Klassische Moderne

26. November 2013, 17:00 Uhr

Objektübersicht
Objekt

0501

Franz von Stuck

(Tettenweiß 1863 - 1928 Teschen)

„Ringelreihen“
1910
Öl auf Holz
92 × 89 cm
Signiert und datiert rechts unten: Franz von Stuck 1910

Provenienz

Galerie Schüler, Köln; Dr. Meschede, Bigge-Olsberg; Sotheby's London, 9.04.2002, Nr. 73; Privatbesitz, Österreich

Ausstellung

1913 Brakls Kunsthaus, München, Nr. 304

Literatur

Heinrich Voss, Franz von Stuck 1863-1928. Werkkatalog der Gemälde mit einer Einführung in seinen Symbolismus, München 1973, WV-Nr. 431/114, Abb. S. 195

€ 130.000

Auf freier grüner Wiese unter wolkigem Himmel drehen sich drei barfüßige junge Frauen ausgelassen im Kreis. Sie halten einander an den Händen und geben sich ungezwungen der Heiterkeit und der berauschenden Fliehkraft ihres Spiels hin. Ihre schleierartigen Kleider in klaren Primärfarben umspielen ihre durchscheinenden Körper. Raffiniert gestaltet Franz von Stuck die umgebende Landschaft, die sich mit den wirbelnden Gestalten zu drehen scheint.

Bereits vor 1900 schuf Franz von Stuck Bilder dieser Art, die sich mit dem arkadischen Naturzustand beschäftigen, der als Teil des Zeitgeistes im Fin de Siècle das Sinnlich-Erotische und Rauschhaft-Exzessive begründet. Berühmte amerikanische Tänzerinnen des späten 19. Jahrhunderts entwickelten vor dem Hintergrund antiker Vorbilder einen modernen Tanzstil. Nach bacchantischen Vasenmalereien interpretiert, tanzte man ausdrucksstark und frei. Isadora Duncan beeindruckte Franz von Stuck bei ihrem Besuch in seinem Atelier im Jahr 1902 mit ihrem Schleiertanz. In der Kunst des Münchner Kreises um Stuck schlug sich die wieder aufgeflammte Antikenrezeption in einem neuen Klassizismus nieder. 1898 gab es ein „altgriechisches“ Künstlerfest in den Münchner Hoftheatern. Franz von Stuck beschäftigte sich zudem, wie viele Künstler seines Umkreises, mit der Dichte an Theorien und Bewegungen, die das frühe 20. Jahrhundert offerierte. In seinen Bildern dieser Zeit ist viel von diesen Reform-Bewegungen zu finden, die Frischluft und viele weitere Arten von Befreiung propagierten. Doch geht es bei Stuck vornehmlich um den erotischen Gehalt des Natürlichen, der zu seiner Zeit auch philosophisch und tiefenpsychologisch untermauert wurde. Gerne verwendete er dafür Anklänge an die antike Mythologie.

Auch das vorliegende „Ringelreihen“-Spiel ist von antiken Festen in der Natur inspiriert und steht in der Tradition seines wilden „Bacchantenzuges“ von 1897 und dem „Frühlingsreigen“ von 1909. In unserem Bild sind jedoch Mädchen unter sich, die wie Nymphen spielerisch tanzend ihre sommerliche Lebenslust äußern. Sie gehören auch nicht einer vergangenen Götterwelt an, sondern tragen deutlich die Züge weiblicher Zeitgenossen um 1910 und geben damit einen Bezug zu seiner unmittelbaren Gegenwart, der für Franz von Stuck doch immer von Bedeutung war. (Claudia Lehner-Jobst)