Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

26. November 2013, 17:00 Uhr

0504

Egon Schiele

(Tulln 1890 - 1918 Wien)

„Ansicht von Neulengbach“
1909
Öl auf Karton
22,5 × 31,5 cm
Bezeichnet und datiert rechts unten (von fremder Hand): S 09

Provenienz

Privatbesitz, Schweiz

Expertise von Prof. Dr. Rudolf Leopold, vom 8. 2. 1989, liegt bei.
Wir danken Jane Kallir für die Bestätigung der Authentizität des Werkes. Das Bild wird mit der Nummer P. 128a in den Nachtrag des Werkverzeichnisses aufgenommen.

 € 80.000

"Umseitiges Photo von Häusern auf hügeligem Gelände mit Büschen und Bäumen zeigt ein Original von Egon Schiele (Tulln 1890 - 1918 Wien) aus seiner Frühzeit. Das in Öl auf Karton gemalte Bild ist aller Wahrscheinlichkeit nach im Frühjahr 1909 entstanden. Bildmaße: 22,5 x 31,5 cm, wobei nur der linke Rand gering beschnitten ist. Das unsignierte Bild trägt rechts unten eine von fremder Hand mit Bleistift besorgte Monogrammierung und Datierung 'S 09'." (Expertise von Prof. Dr. Rudolf Leopold, Wien, 8. 2. 1989)

Egon Schiele war mit erst 16 Jahren, also 1906, in die Akademie der bildenden Künste in Wien eingetreten, aber die anfängliche Begeisterung wich bald der Ernüchterung über die sinnlose Eintönigkeit des Abzeichnens von Gipsmodellen. Nach nur zwei Jahren verließ er in Protest das Haus, weshalb vermutet wird, dass Schiele, wie es der Lehrplan der Akademie vorsah, gar nie eine Klasse für Ölmalerei besucht hatte. Aus diesen frühen Jahren haben sich daher auch nur wenige Ölgemälde, vor allem Porträts und Landschaften erhalten. Das Frühwerk überrascht jedoch durch die Eigenständigkeit der Malweise und die bereits im Kern erkennbare Expressivität und Dynamik.

Als Schiele wohl zu Beginn des Jahres 1909 die Dorfansicht von Neulengbach malte, hatte er Gustav Klimt schon kennengelernt und war mit dessen faszinierend ornamental-dekorativen Stil vertraut. Dennoch fließt davon nur wenig in sein eigenes Bild. Schiele betrachtete Landschaft vielmehr wie die Realisten des 19. Jahrhunderts, nüchtern, analysierend mit bohrendem Blick hin zu den wesentlichen Strukturen ihres Seins. Er ist von Beginn an radikal, abstrahierend und in diesem Sinne visionär.
Neulengbach im Wienerwald erfasst der Maler von einem Standpunkt aus, von dem die gleichnamige Burg auf der Höhe des Hügels nicht ins Blickfeld rückt. Er wählt drei Farbgruppen und bildet mit ihnen die horizontale Schichtung der Komposition. Unwesentlich ist natürlich die Differenzierung der Töne, Farben werden nur symbolisch für die Bereiche der Natur und des Dorfes eingesetzt und in einem breiten, jeweils kurzen Pinselstrich aufgetragen. Eine Geometrisierung der Natur findet statt, deren Strenge jedoch durch die Dynamik des Farbflusses eine expressive, eigentlich auch provokante Note erfährt. Im heutigen Wissen, dass Neulengbach in Schieles Biographie noch eine traumatisierende Rolle spielen wird, erscheint das solide Gerüst der kubischen Gebäude durch die unruhige Zeichnung der Bäume ahnungsvoll ins Wanken gebracht. (MHH)