Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

23. April 2013, 18:00 Uhr

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Anselm Kiefer*

(Donaueschingen 1945)

„Das Floß der Medusa“
2003
Gouache auf Fotopapier
94,5 × 99,5 cm

€ 70.000 - 140.000

Anselm Kiefer *
(Donaueschingen 1945 geb.)

Das Floß der Medusa, 2003
Gouache auf Fotopapier; 94,5 x 99,5 cm
Provenienz: Privatbesitz, Österreich

Literatur: Seestücke. Von Max Beckmann bis Gerhard Richter. Hamburger Kunsthalle, Hirmer Verlag München 2007, S. 125; Daniel Arasse: Anselm Kiefer. Schirmer/Mosel Verlag, München 2001

Es geht mir um die Aura der Worte, bemerkte Kiefer einmal. Ich muss in diesem Zusammenhang immer an Henry Miller denken, der irgenwann mal nach Paris fuhr. Als er noch in Amerika war, nahm er sich einen Stadtplan und las die Namen der Straßen. Schon durch das Lesen der Namen hat er einen bestimmten, nur ihm zugänglichen Zugang zu Paris gehabt. Ohne dass er jemals dort war, hatten die Namen bereits eine bestimmte Aura. Wie die Worte in meinen Bildern. (Anselm Kiefer)

Ich erzähle in meinen Bildern Geschichte, um zu zeigen, was hinter der Geschichte ist. Ich mache ein Loch auf und gehe hindurch. (Anselm Kiefer)

Anselm Kiefer, einer der angesehensten Künstler unserer Zeit, wurde 1945 in Donaueschingen, in Baden-Württemberg geborgen. Sein Kunststudium führte ihn zunächst an die Staatliche Hochschule der Bildenden Künste in Freiburg und danach an die Düsseldorfer Kunstakademie, wo er Schüler Jospeh Beuys‘ wurde. Anselm Kiefer lebt und arbeitet in Frankreich. Die Inspiration für seine Bilder findet er in der komplexen europäischen Geschichte, der Mythologie, der Mystik, den Weltreligionen und in Sagen. Für die Gestaltung seiner Kunstwerke bedient er sich an einem Sammelsurium aus unterschiedlichsten Materialen wie beispielsweise Haare, Draht, Zweige und Alltagsobjekten. Ihm gelingt es immer wieder, faszinierende symbiotische Beziehungen zwischen Malerei, Text und Objekt auf tiefgründige Art und Weise herzustellen. Oftmals auftretendes Element seiner Bilder ist die Einbindung von Texten: Textpassagen, Namen, Zitate, Gedichte. Sie sind als Sinnträger essentiell für das Kunstobjekt und können, in feinsinniger Verbindung mit dem Material, emotionale und intellektuelle Prozesse loslösen, die dem Betrachter eine sinnliche Erfahrung bescheren können.
Seine Werke sind in den Sammlungen aller großen Museen dieser Welt vertreten (Solomon R. Guggenheim Museum, New York, Guggenheim-Museum Bilbao, Musée National d'Art Moderne in Paris, San Francisco Museum of Modern Art,…) und werden laufend international ausgestellt. 2005 wurde ihm das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst verliehen. 2011 wurde er als erster deutscher Künstler an das renommierte Collège de France berufen und erhielt dort einen Lehrstuhl für künstlerische Kreation.

Kiefer schuf „Das Floß der Medusa“ im Jahre 2003. Es besticht durch seine apokalyptische, melancholische und auch sehr sinnliche Bildsprache.

Das Floß der Medusa – ein wahrlich bedeutender Begriff für ein schwerwiegendes Ereignis in der europäischen Kultur- und Sozialgeschichte, welches mehrfach von diversen Kunstschaffenden aufgegriffen und interpretiert wurde, sei es als Gemälde, als Cd-Cover oder als Film. Bereits 1819 wählte der französische Romantiker Théodore Géricault dieses Thema für eines seiner Monumentalgemälde. Das Floß der Medusa, oder auch der Fluch der Medusa, geht auf ein Ereignis im Jahre 1816 zurück. Während der Napoleonischen Kriege besetzte England die westafrikanische Kolonie Senegal, die ursprünglich zu Frankreich gehörte. 1816 gab England den Senegal an Frankreich zurück. Aus diesem Anlass sandte die französische Regierung vier Fregatten mit Infanteristen, Beamten und Forschern in den Senegal. Unter diesen Fregatten befand sich auch die Medusa, welches vor der westafrikanischen Küste, auf den Sandbänken von Arguin auf Grund lief und nicht manövrierbar war. Der Kapitän des Schiffes, welcher ein französischer nicht seeerfahrener Adeliger war, gab den Befehl, ein zusätzliches Floß aus den Masten der Medusa zu bauen, da für die rund 400 Passagiere nur sechs Rettungsbote vorhanden waren. Die sechs Rettungsbote sollten das Floß gemeinsam an Land ziehen, doch bald wurden die Seile gekappt und das Floß und seine insgesamt fast 150 Insassen wurden ihrem Schicksal auf offener See ausgesetzt. Hilflosigkeit, Hunger, Verzweiflung, Todesängste und die Furcht vor der Urgewalt des Meeres und vor der sengenden Sonne führten zu Gewalttaten und Kannibalismus. Nur wenige Personen konnten am Ende gerettet werden. Die Berichte von Überlebenden lösten in Frankreich einen politischen Skandal aus und dieses Ereignis steht noch heute als Beispiel für den Verfall sozialer Strukturen und für inkompetente Entscheidungsfindungen.
(AP)