Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

02. Oktober 2012

0246

Wolfgang Stifter*

(Ottensheim 1946)

„o. T. (Gelber Mond)“
1993
Eitempera und Kreide auf Leinwand
180 × 140 cm

€ 6.000

Wolfgang Stifter*
(Ottensheim 1946 geb.)
o. T. (Gelber Mond)
Eitempera und Kreide auf Leinwand
180 x 140 cm
Signiert, datiert und betitelt rückseitig: o. T. (Gelber Mond) Stifter 1993

Wie andere auch, die zwischen 1960 und 1970/75 aus der Klasse von Maximilian Melcher an der Akademie der bildenden Künste in Wien hervorgingen, weiß auch Wolfgang Stifter um die anziehende Balance und die beflügelnden Wechselwirkungen von Malerei und Zeichnung. Deren einander ergänzende, sich steigernde Eigenschaften und eine nach getaner Arbeit zu verbindlicher Einheit verschmolzene, stimulierende Präsenz, führen ebenso Gouachen, Aquarelle und Mischtechniken wie mit Ölfarben oder in anderen Techniken gemalte größere Leinwände zu anspruchsvoller Qualität und Schaulust für den Betrachter.

Von einem Kunstwerk, das man besitzt, zu wissen, dass es "hält" und gleichsam unerschöpflich ist, zählt zu den am meisten beglückenden Erlebnissen eines Sammlers. Die vom jeweiligen Werk geforderten Qualitäten muss freilich auch der Betrachter mitbringen, ebenso wie entsprechende Affinitäten zu ihm und die Gabe, sich vorurteilsfrei, doch unbedingt konzentriert auf ein der Entdeckung harrendes Gegenüber bei einer Sache einzulassen, die konkret, unverfälscht und ohne Interpreten zu benötigen, den ein für alle Mal fixierten Gegenstand der Anschauung und Auseinandersetzung verkörpert.

In Weiterführung der skizzierten Genealogie mit dem Expressionismus eines Herbert Boeckl zu Beginn der Zwischenkriegszeit und jenem an der Natur ebenso intensiv, doch freier orientierten Werk Max Weilers nach dem 2. Weltkrieg kann man auch in dem gleichfalls von Natureindrücken und einer neuen Weltsicht geprägten Oeuvre von Wolfgang Stifter eine Fortführung und bereichernde Abwandlung dessen sehen, was - im herausgehobenen Kanon unbegrenzter Landschaftsbezüge - für Österreichs Malerei bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Gültigkeit beanspruchen kann.

Das hier vorgestellte Bild von Wolfgang Stifter, vor rund 20 Jahren mit Eitempera und Kreide auf Leinwand gemalt (und gezeichnet!), wirkt trotz seiner Komplexität und sehr bewegten Sperrigkeit wie aus einem Guss. Es ist frei, ausreichend "luftig" und verfügt unter Wahrung eines zurückhaltenden, kultivierten Farbmilieus über ein kompositionelles Gerüst, das den spürbaren Aufruhr in voller Bewegung bändigt.

In seiner Mitte überwiegend von Grau gemalten, breit aufgetragenen Flächen aktiviert und am unteren Rand von einer nicht allzu schweren, gleichfalls in Grau markierten Basis mitbestimmt, zeigen sich linke und rechte Bildhälften höchst gegensätzlich. Sie treffen sich im nahezu informellen Auftrag ihrer Form und Struktur und fungieren als Garant eines Gleichgewichts, das nicht kleinlich bestimmt ist, sondern dem beherrschenden Duktus einer Komposition unterliegt, deren Urheber oft überprüfte formale Vorgänge und kompositorische Erkenntnisse innovativ mit formeller Improvisation zu verbinden weiß.

Die Elemente des großen Gemäldes von Wolfgang Stifter bewirken ein Kräftespiel, dessen musikalische Abstraktheit - in richtiger Balance von Andeuten und Aussprechen - ebenso Geist wie Sinnlichkeit beansprucht.
Peter Baum