Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

26. Januar 2016, 18:00 Uhr

0442

Franz West*

(Wien 1947 - 2012 Wien)

„Dame mit Hottendottenschürze“
1981
Collage, Mischtechnik auf Papier
32,5 × 41 cm
Bezeichnet links mittig: Dame mit Hottendottenschürze
Signiert und datiert links mittig: F West 81

Provenienz

österreichische Privatsammlung

Registriert: Franz West Privatstiftung Archiv, Wien

€ 25.000 - 50.000

Die beißende Konsequenz, mit welcher Franz West das Diktum „L´art pour l´art“ verfolgte, traf insbesondere den vibrierenden Nerv der (Kunst-)Welt der späten Dezennien des 20. Jahrhunderts. Jede Form des anarchischen Enthüllens, des spielerischen Banalisierens und des spaßigen Umkehrens moralischer Fassaden waren dem Künstler recht, um die elementarsten Ebenen des Menschlichen zu offenbaren. Dieser mehr lustvolle als ideologisch motivierte Zugang bediente sich ebenso elementarer Materialien, wie in der vorliegenden Collage mit ihren einfachen Papieren, Ausschnitten aus Magazinen und der Bleistiftbezeichnung sichtbar wird. Das scheinbar Belanglose, Geringe, Alltäglich-Abgründige fügt dem Betrachter zielsicher den kleinen, unangenehmen aber wirksamen Schmerz der entblößten Wahrheit zu.
Auf einem Bildgrund aus gelblich-hautfarbenem Papier klebt der schwarzweiße Ausschnitt einer den Betrachter fokussierenden Frau, deren besondere Kennzeichen ihre auffordernd präsentierten Brüste darstellen. Die Verknüpfung eines durchschnittlichen Gesichts mit ungeübt aufreizendem Blick ist ein aus der Boulevardpresse wohl bekanntes Instrument. Die „Dame“ ist bis zu ihrem Kinn in eine feuerrote horizontale Fläche getaucht, als lackglänzend schlüpfriges Signal. „Tätowiert“ durch die Beschriftung in Bleistift, quer über Oberarm und Dekolleté, wird sie für ihre weiteren physischen Vorzüge beworben, der im Bild gerade nicht mehr sichtbaren Hottentottenschürze, auf die jedoch ihre beschnittene Hand weist. Der Begriff aus der Ethnographie des 19. Jahrhunderts bezieht sich auf die angeblich in afrikanischen Stämmen bevorzugt auftretende anormale Größe weiblicher Geschlechtsorgane. Von Franz West als wienerisch-phonetische „Hottendottenschürze“ zur gängigen political incorrectness der Umgangsprache degradiert, wird die Distanz zwischen Betrachter und „Objekt“ gänzlich aufgelöst. Das Dunkelrot einer keramischen, an rohes Fleisch erinnernden runden Fläche zeigt ein Relief des barocken Ornaments „Laub- und Bandelwerk“, das vor allem in der Architektur Wiens allgegenwärtig ist. Barock als Inbegriff des Hypertrophen unter dem Deckmantel der Symmetrie mag hier ein Gedankenspiel Franz Wests gewesen sein.
Vergleichbare Collagen entstanden erstmals in den späten 1970er Jahren, wie „Untitled (Love)“ (1977, Hall Collection) und setzn sich in den frühen 1980er Jahren („In the Milk-White Bath“, 1982, MOMA oder „Behände Bulgarin“, 1983, Hall Collection) in ähnlicher Weise fort, während spätere Collagen komplexere Räume darstellten. Das frühe Prinzip der aus ihrem journalistisch-voyeuristischen Zusammenhang krude entrissenen Figuren, die sich isoliert in einem abstrahierten Bildgefüge wiederfinden und so zu Ausdrucksträgern psychologisiert werden, nützte der Künstler für sein jeder Norm widersagendes Kunstspiel (Claudia Lehner Jobst).