Auktionshaus

Auktion: Moderne Kunst

02. Dezember 2025, 17:00 Uhr

1538

Franz Sedlacek

(Breslau 1891 - 1945)

„Flucht nach Ägypten (3. Fassung)“
1933
Öl auf Sperrholz; gerahmt
56 x 47,5 cm
Monogrammiert und datiert links unten: f S 1933
Rückseitig auf Etikett eigenhändig bezeichnet: Franz Sedlacek / Wien 1933 / "Flucht nach Ägypten" / 3. Fassung
Auf weiterem rückseitigen Etikett beschrieben: Gemalt im November 1933; Halbkreidegrund auf Sperrholz. Malmittel: 1 Teil eingedicktes Leinöl, 3 Teile Venez. Terp; Verd. mit Terp.öl. Untermalung in Umbra mit dem gleichen Malmittel. Horizontpartie mit Tempera weiß gehöht. Gefirnißt mit Mastix-Terp.öl-Firnis im März 1934;
Künstlerhaus-Etikett rückseitig: 1968/585 (von Herrn Nikolaus Domes, Künstlerhaus Archiv Wien, bestätigt)
Originalrahmen

Provenienz

Dr. Josef Fellerer, Wien, in den 1930er Jahren direkt vom Künstler erworben;
nach dessen Tod 1975 in den Besitz der Familie des Künstlers übergegangen

Ausstellung

1952 Linz, Neue Galerie der Stadt Linz, 16.10.-Dez., Nr. 15;
1968 Wien, Künstlerhaus, 12.06.-25.08.;
1978/79 Wien, Galerie Hassfurther, 01.12.1978-01.03.1979;
1991 Wien, Technisches Museum, Nr. 75;
1991 Wien, Giese & Schweiger, Nr. 35;
1995 Wien, Kunstforum Wien, 01.04-02.07.;
2014 Wien, Wien Museum, 30.01.-21.04.

Literatur

Karl Hans Strobl, Ein Meister des Grauens. Zu den Bildern von Franz Sedlacek, in: Der getreue Eckart, 12. Jg., Heft 4, Jänner 1935 S. 233 (Abb.);
Fritz Messinger, Franz Sedlacek, ein Maler des Gespenstischen, in: Kunst ins Volk, September 1950, Jg. 2, Folge 9/10, S. 397;
Neue Galerie Linz, Wolfgang-Gurlitt-Museum (Hg.), Franz Sedlacek, Ausstellungskatalog Neue Galerie der Stadt Linz, Linz 1952, Kat.-Nr. 15, S. 3;
Linzer Volksblatt, Jg. 78, 05.11.1952, Nr. 258, S. 4;
Elisabeth Hintner-Weinlich, Der Maler und Graphiker Dr. Franz Sedlacek, Dissertation, Innsbruck 1987, Nr. 75, S. 256;
Elisabeth Hintner, Franz Sedlacek 1891-1945. Vorläufer des Phantastischen Realismus. Eine inszenierte Ausstellung, Ausstellungskatalog Technisches Museum Wien, Wien 1991, Kat.-Nr. 75, S. 15, Abb. S. 34;
Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Neue Sachlichkeit. Österreich 1918 bis 1938, Ausstellungskatalog Kunstforum Wien, Wien 1995, Abb. 111, S. 267;
Elisabeth Hintner, "Betrachte rückwärts ruhig deine Vorfahren..." Franz Sedlacek und die Rezeption der nordischen Maltradition, in: Belvedere. Zeitschrift für bildende Kunst, Heft 2, 1998, S. 26;
Gabriele Spindler, Andreas Strohhammer, Franz Sedlacek 1891-1945. Monografie mit Verzeichnis der Gemälde, Auktionshaus im Kinsky (Hg.), Wien 2011, WV-Nr. 92, Abb. S. 190;
Gabriele Spindler und Ursula Storch (Hg.), Franz Sedlacek. Chemiker der Phantasie, Katalog zur 395. Sonderausstellung des Wien Museums, Wien 2014, S. 82, Abb. S. 83

Wir danken Frau Mag. Gabriele Spindler für die freundliche Unterstützung bei der Katalogisierung.

Schätzpreis: € 100.000 - 200.000
erzielter Preis: € 175.500 (inkl. Gebühren und österreichischer MwSt.)
Meistbot: € 135.000
Auktion ist beendet.

In Franz Sedlaceks künstlerischem Schaffen kommt der Darstellung der Landschaft eine wesentliche Bedeutung zu. Mehr als die Hälfte der im Werkverzeichnis der Gemälde erfassten Bilder ist dem Thema Landschaft gewidmet. In einer Reihe von Landschaftsbildern greift Sedlacek biblische Themen auf. So existieren drei Bildvarianten der "Flucht nach Ägypten", von denen wir die dritte, 1933 entstandene Fassung präsentieren können. Das Gemälde wurde 1935, noch zu Lebzeiten Sedlaceks, in der Zeitschrift "Der getreue Eckart" abgebildet und 1952 in der Neuen Galerie in Linz erstmals öffentlich präsentiert. Danach folgten Ausstellungen in Wien im Künstlerhaus (1968), bei der Galerie Hassfurther (1978), im Technischen Museum (1991), im Kunstforum (1995) und im Wien Museum (2014).

Als Maler war Sedlacek Autodidakt, der sich selbst im Kunsthistorischen Museum in Wien an Gemälden Alter Meister schulte und seinen an der altmeisterlichen Lasurtechnik orientierten Malstil stets weiterentwickelte. Das künstlerische Streben nach malerischer Perfektion zeichnet sein gesamtes Oeuvre aus. Seine Gemälde entstanden langsam, selten arbeitete er an mehreren Tafeln gleichzeitig, an einem Bild malte er etwa ein bis zwei Monate. Wenn ein Künstler gelernter Chemiker ist, liegt das Interesse an maltechnischen Zusammenhängen auf der Hand. Das Malmaterial selbst und dessen Zusammensetzung weckten die Experimentierfreude des Chemikers. Im Zeitraum von 1933 bis 1935 brachte er auf der Rückseite von zehn uns bekannten Gemälden Etiketten an, die er mit handschriftlichen Notizen zum Malmaterial versah. Eines dieser Bilder ist die vorliegende Fassung der "Flucht nach Ägypten": einer maltechnischen Anleitung gleich, hat Sedlacek auf einem Etikett auf der Tafelrückseite die verwendeten Malmittel und deren Mengenverhältnisse genau aufgelistet.

In Sedlaceks Landschaften nehmen (einsame) Wanderer die Rolle eines Leitmotivs ein. Das vorliegende Gemälde gehört zu einer Gruppe von Landschaftssujets, die der Künstler mit Personen auf der Wanderung aus biblischen Erzählungen bevölkert (neben der "Flucht nach Ägypten" etwa "Rast auf der Flucht nach Ägypten", "Gang nach Emmaus" etc.). Die Protagonisten seiner biblischen Szenen - in unserem Fall Josef mit Wanderstock und geschultertem Sack voranschreitend, dahinter Maria mit dem Jesuskind auf dem Esel sitzend - platziert Sedlacek in idealisierten Universallandschaften, die er kulissenartig aus verschiedenen Landschaftsteilen - Bäume, Hügel, Gebirge, tiefer gelegte Gewässer und ferne Ebenen - aufbaut. Das Hauptaugenmerk des Malers gilt nicht den von Nimben als Heilige markierten Figuren, sondern einer symbolisch aufgeladenen Wiedergabe von Natur, in die er die Heilige Familie auf der Flucht als Staffage und narratives Element integriert.
Der kompositorische Entwurf und die wirkungsvolle Lichtregie mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten betonen den bühnenhaften Charakter der Darstellung: Links im Vordergrund werden Josef und Maria mit dem Kinde wie Akteure auf einer Bühne schweinwerferartig von künstlichem Licht illuminiert. Leicht dahinter bilden Felsen und Bäume - als rahmende Elemente - eine dunkle, mystische Schattenkulisse. Rechts wird der Blick in die Tiefe auf ein helles, grün-blaues Landschaftsstück mit See freigegeben. Über die sanfte See- und Hügellandschaft hinweg lässt der Maler unser Auge in die Ferne schweifen. Dorthin, wo die dunklen, die ganze Szene verdüsternden Wolken des Himmels dem Licht am Horizont weichen.

In Sedlaceks weitläufigen Landschaften kann man mit den "Augen spazieren gehen" (Franz Sedlacek in einem Brief, 27.12.1940, zitiert nach Hintner 1998, S. 111). Sie sind aus klar geordneten Landschaftselementen komponiert und leiten unseren Blick durch gestaffelte Raumebenen kontinuierlich in die Tiefe. Wie auch andere Künstler seiner Zeit bewunderte Sedlacek das altniederländische Tafelbild des 15. und 16. Jahrhunderts. Insbesondere ließ er sich auch von der Bildauffassung der deutschen Romantik des 19. Jahrhunderts und deren Vorstellung von Landschaft als Spiegel der Seele und Sehnsuchtsort inspirieren. Die bewusste Rezeption der Bildtradition war eine wesentliche Komponente der künstlerischen Neuorientierung in jener Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.
(Claudia Mörth-Gasser)