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Pieter Brueghel der Jüngere
(Brüssel um 1564 - 1638 Brüssel )
„Bauern liefern den Zehnten ab“
wohl vor 1615
Öl auf Holz; gerahmt
60,5 x 95,5 cm
Provenienz
ehemals Sammlung Fernand Jacobs (1886-1971), Antwerpen;
Österreichischer Privatbesitz
Literatur
Georges Marlier, Pierre Brueghel le Jeune, Brüssel 1969, S. 435, Nr. 5 (ohne Abb.)
Klaus Ertz (Hg.), Pieter Brueghel der Jüngere (1564-1637/38). Die Gemälde mit kritischem Oeuvrekatalog, Lingen 2000, S. 515, WVZ-Nr. F515 (ohne Abb.)
Gutachten Dr. Ursula Härting, Hamm, den 29. Februar 2024, liegt bei (in Kopie).
Schätzpreis: € 180.000 - 360.000
erzielter Preis: € 273.000 (inkl. Gebühren und österreichischer MwSt.)
Meistbot: € 210.000
Auktion ist beendet.
Das Sujet „Bauern liefern den Zehnten“, früher auch als „Der Bauernadvokat“ bezeichnet, ist eine der bekanntesten Kompositionen Pieter Brueghels des Jüngeren. Es sind heute mehr als 40 Versionen aus eigener Hand und in Versionen von Mitarbeitern erhalten. Dr. Ursula Härting hat vorliegendes Werk im Original studiert und in ihrem ausführlichen Gutachten als eigenhändiges Werk Pieter Brueghels des Jüngeren bestätigt. Sie nimmt an, dass das Gemälde vermutlich vor 1615, also vor dem frühest bekannten datierten Werk dieses Sujets entstanden ist. Es handelt es sich um eine besonders malerische Version im Vergleich zu den meist graphisch erscheinenden Fassungen.
„Die Stube ist bühnenartig in der Form eines Guckkastens angelegt. Bauern haben ihre Hüte abgenommen und bringen unterwürfig ihre agrarischen Erzeugnisse in das chaotische Amtszimmer des Procureurs oder Rentmeisters, auf dessen Schreibtisch inmitten von Papierhaufen ein Stundenglas steht. An der Wand hinter dem Rechtsgelehrten hängt ein Kalender, wie ihn die Antwerpener Druckerei Plantijn auf Niederländisch und Französisch tausendfach jeweils für ein Jahr druckte. Oben ist hier nur noch rudimentär sichtbar …Grace… - zu ergänzen etwa …l’an de grâce xx oder …au Dieu. Von den Wänden bis zum Boden ist der gesamte Raum gefüllt mit Zetteln, Papieren, durchgestrichenen Kassenbucheinträgen, die katastrophale Buchhaltung offenbart sich; viele, zu viele Geldbeutel hängen in Regalen, rechts außen hält der gut gekleidete Mann wohl einen großen weißen Geldschlauch über dem Arm, vermutlich nimmt er stellvertretend für den Gelehrten die Gelder ein – ob ordnungsgemäß, wer weiß: alles wirkt ordnungslos. Eine unordentliche Führung auch der Bücher fällt folglich auch auf den Rechtsgelehrten zurück, obwohl sein vierzipfliger Doktorhut ihn doch eigentlich und erwartungsgemäß als sorgfältigen Akademiker ausweist. Doch nun ist er wohl eher jemand, über dessen Profession sich man belustigen konnte.
…Bislang blieb generell die mir wesentlich scheinende Frage ungestellt, warum derart viele, heute noch bekannte Versionen derart viele Auftraggeber und Abnehmer fanden. Die Fassungen könnten in Landhäusern in Domänen außerhalb Antwerpens gehangen haben, deren Inventare nur selten in städtischen Nachlässen erscheinen. Antwerpener Gutsbesitzer hatten im Umland zu Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts mehr als 380 Landhäuser gebaut, erworben, umgebaut. Es waren Herrlichkeiten mit Land, Dorf und Kirche, und Rechtsprechung. Dortige Villen dienten als Sommersitze, als maisons de plaisance, die man seit der Antike zur Erbauung gern mit komödiantischen Sujets dekorierte, die Lachen, auch selbstbezogenes Schmunzeln auslösen konnten. Auf diesen Domänen erzeugte man landwirtschaftliche Erzeugnisse und zog den Zehnten des Ertrags ein. Der Zehnte wurde entweder im Namen der katholischen Kirche oder eben im Namen derjenigen Gutsbesitzer eingenommen, auf deren Domänen die Agrarprodukte wuchsen, von procureuren oder Rentmeistern. Gutsbesitzer, Rechtsgelehrte, Rentmeister und Prokuratoren waren zudem Mitglieder in der Antwerpener Lukasgilde, die häufig comedies inszenierte. So war in Brueghels Darstellung die Absicht des Amüsements bislang wohl verborgen.“ (Auszug aus dem Gutachten von Dr. Ursula Härting, dort weiter mit ausführlichen Fußnoten ergänzt).

