Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

05. Dezember 2024, 14:00 Uhr

4186

Siegfried Anzinger*

(Weyer 1953)

„Bahnhof“
2010
Leimfarbe, Mischtechnik auf Leinwand; ungerahmt
145 x 170 cm
Rückseitig bezeichnet, signiert und datiert: "Bahnhof", S. Anzinger, 4. 2010
Datiert rechts unten: 4. 2010

Provenienz

Privatbesitz, Oberösterreich

Literatur

Ausstellungskatalog, Siegfried Anzinger, Linz 2010, Abb. S. 110-111

Schätzpreis: € 10.000 - 20.000
erzielter Preis: € 11.220 (inkl. Gebühren und österreichischer MwSt.)
Meistbot: € 8.500
Auktion ist beendet.

Eine Lokomotive fährt dampfend in einen Bahnhof ein. Aus der Tiefe des Bildraums kommend, erinnert die Darstellung an eine der ersten Stummfilmszenen aus dem Jahr 1895. Aus einer ähnlichen Perspektive filmten die Brüder Auguste und Louis Lumière die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof La Ciotat, was zu einem Überraschungseffekt führte. Dass die Zuschauer damals panikartig den Vorführraum verlassen haben sollen, weil sie glaubten, der Zug würde auf sie zurasend die Leinwand verlassen, gilt mittlerweile als widerlegt.
Siegfried Anzinger betitelt sein Werk schlicht mit „Bahnhof“. Die Architektur des Gebäudes legt der Künstler mit feinen Linien als skelettartiges Gerüst über die Malerei. Gleichzeitig teilt die zentralperspektivische Konstruktion das Bild diagonal in zwei Hälften. In der linken Bildhälfte spielen sich entlang des Bahnsteigs mehrere Szenen parallel ab. Die Protagonist*innen tragen Cowboyhüte und Federschmuck. Anzinger versetzt uns zurück ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Erschließung und Eroberung des amerikanischen Westens. Dabei belässt er viel Interpretationsspielraum, der von Erinnerungen an Cowboy-Spiele, Western-Filme und Karl May-Romane befeuert wird.
Kurz vor der Entstehung der Arbeit „Bahnhof“ halten die ersten Westernmotive Einzug in Anzingers Werk. Ganz bewusst bedient er damit Klischees, nicht zuletzt, um aufzuzeigen, wie sehr eine Tracht wie Cowboyhut oder Federschmuck einen Menschen definiert und verortet. Anzinger versetzt in späteren Arbeiten Cowboys und amerikanische Ureinwohner mitunter in biblische Szenen, was grotesk wirkt, uns zum Schmunzeln bringt, aber auch zum Nachdenken anregt.
Technische Fragen stehen für Anzinger allerdings stets im Vordergrund. Ihn beschäftigten der Farbauftrag, die Komposition und die Linie. Form und Fläche, Körper und Raum bringt er in einen spannungsvollen Dialog. Die realitätsnahe Wiedergabe von Motiven spielt eine untergeordnete Rolle. Durch seine charakteristische offene und spontane Malweise lässt Anzinger, der in den 1980er Jahren als bedeutender Vertreter der „Neuen Wilden“ gilt, viel Freiraum zum gedanklichen Vervollständigen.

(Isabell Kneidinger)