Auktion: Moderne Kunst

19. Juni 2024, 16:30 Uhr

4140

Kurt Schwitters

(Hannover 1887 - 1948 Kendal, Westmorland)

„Ohne Titel (D'Cilly)“
1941/1942
Collage, Papier und Gaze auf Papier; gerahmt
32 x 18,7 cm (Bild), 41,7 x 32 cm (Originalunterlage)

Provenienz

Walter und Marga Dux, London (Geschenk des Künstlers);
Privatbesitz, Merano, bis 1995 (Erbschaft oder Geschenk);
seither Privatsammlung, Italien/Österreich

Ausstellung

2000/2001 Hannover/Düsseldorf/München, Aller Anfang ist Merz - von Kurt Schwitters bis heute, Sprengel-Museum Hannover, 20.08.-05.11.2000/Kunstsammlung Westfalen Düsseldorf, 25.11.2000-18.02.2001/Haus der Kunst München, 09.03.-20.05.2001, Nr. 173

Literatur

Susanne Meyer-Büser (Hg.)/Karin Orchard (Hg.), Aller Anfang ist Merz - von Kurt Schwitters bis heute, (Kat. Ausst., Sprengel-Museum Hannover/Kunstsammlung Westfalen Düsseldorf/Haus der Kunst München, Hannover/Düsseldorf/München 2000/2001), Ostfildern-Ruit 2000, Nr. 173, Farbabb. S. 166;
Karin Orchard/Isabel Schulz, Kurt Schwitters - catalogue raisonné, Bd. 3, hrsg. vom Sprengel-Museum Hannover, Ostfildern-Ruit 2006, Nr. 2822, S. 312 (mit s/w-Abb.)

Schätzpreis: € 35.000 - 70.000
Auktion ist beendet.

Kurt Schwitters, der „Großmeister der Collage“ (https://www.tate.org.uk/whats-on/tate-britain/schwitters-britain, aufgerufen am 4.10.2023), ist wohl einer der einflussreichsten Künstler des frühen 20. Jahrhunderts. Die herkömmlichen Gattungen ablehnend, entwickelt er sein Oeuvre im Dunstkreis des Dadaismus, nimmt aber auch Anleihen am Surrealismus und Konstruktivismus. Daraus entsteht eine ganz eigene Kunstform von ihm „Merz“ genannt, die gerne fälschlicherweise als Synonym des Begriffes „Dada“ interpretiert wird, aber eine eigenständige stilistische Ausrichtung ist.

Den Begriff „Merz“, ursprünglich einer Collage aus einer Anzeige der Kommerzbank entnommen, verwendet Kurt Schwitters ab 1919 für seine Assemblagen aus Zeitungsausschnitten, Reklamen und Abfallprodukten. Gleichzeitig öffnet sich ein weites Feld der möglichen Assoziationen zu „Kommerz“, „ausmerzen“, „Scherz“, „Herz“ etc. und auch zum Monat März, der für den Neubeginn steht. In weiterer Folge entstehen „Merz“-Schriften und „Merz“-Bauten.

Bereits früh als „entartet“ verfemt, emigriert Kurt Schwitters 1937 nach Norwegen und flieht 1940 vor den deutschen Besatzern nach England. Nach der Internierung in verschiedenen Camps lässt er sich Ende 1941 in London nieder. Hier ist auch das „Merz“-Bild „D’Cilly“ entstanden, in dem er über die Fotografie eines Bildnisses von Franz Defregger collagiert. Ausschnitte aus Modeillustrierten, Londoner Busfahrplänen und ein handschriftlicher Adresszettel finden hier ebenso Verwendung, wie ein Teil eines Bildes eines Künstlerkollegen. Es könnte sich durchaus um ein Detail eines Werkes seines Freundes Ben Nicholson handeln und zeigt das Naheverhältnis Kurt Schwitters‘ zum Konstruktivismus und zu Abstraction-Création. Die Augenpartie der Cilly ist ausgespart und so blickt uns inmitten der wild collagierten Teile das Mädchen wie durch einen Schlitz intensiv entgegen. Kein zufällig gewähltes Motiv: Franz Defregger als Vertreter der Münchner Schule ist wohl ein Sinnbild für jene gegenständliche, historisierende Malerei, die es zu überwinden gilt. Kurt Schwitters setzt die collagierten Teile ein wie die Pinselstriche einer Malerei und schafft so eine dichte Komposition, die „aus ebenso strengen Gesetzen gewachsen ist wie die Natur“ (Kurt Schwitters zitiert auf: https://beruhmte-zitate.de/autoren/kurt-schwitters/, aufgerufen am 4.10.2023). Die „Merz“-Kunst negiert alles bis daher Bekannte, will eine „Befreiung von jeder Fessel“ (Kurt Schwitter, s.o.), und bereitet so den Nährboden für die kommenden Künstlergenerationen.
(Sophie Cieslar)