Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

09. März 2022

3030

Robert Piesen*

(Neuhaus, Tschechien 1921 - 1977 Haifa, Israel)

„o.T.“
1961
Mischtechnik, Emaille auf Leinwand; gerahmt
110 x 93 cm
Rückseitig signiert und datiert: Robert Piesen 61

Provenienz

direkt vom Künstler;
seither Privatbesitz, Wien

Schätzpreis: € 25.000 - 50.000
Auktion ist beendet.

Robert Piesens Werk beeindruckt in seiner Einzigartigkeit und Relevanz. Geboren in Südböhmen, verbringt er seine Jugend in Brünn. Die Jahre des Zweiten Weltkriegs, in dem viele seiner Verwandten in Vernichtungslagern ums Leben kommen, lebt er mit falschen Papieren als Zwangsarbeiter in Berlin. 1945 bis 1965 ist Prag sein Lebensmittelpunkt. In der damaligen Tschechoslowakei, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, waren Künstler weitgehend vom internationalen Kunstgeschehen abgeschottet. Dennoch wagten in den 1950er Jahren nicht wenige den Weg in die Abstraktion, faktisch ohne Chancen, ihre Werke auszustellen und somit auf breitere Anerkennung zu stoßen. Ausgehend von Bildern mit landschaftlichen Referenzen macht auch Piesen Anfang der 1960er Jahre den Schritt in die komplette Gegenstandlosigkeit. Sein Zugang zur Abstraktion ist ein äußerst philosophisch-religiöser. Er studiert das Alte Testament, den Talmud und die Kabbala und verfasst selbst ein Manifest, in dem er seine Theorien zur „Malerei als Seinszustand, als ungegenständliches Geschehen am Rand der Existenz des Seienden“ (Robert Piesen, Ausstellungskatalog, Golden Goose Gallery Stouffville Ontario, Franz Kafka Gallery, Prag 2001, S. 26) festhält. Es beginnt eine konsequente, lebenslange Suche nach einem bildnerischen Äquivalent.
armgard.neubert@axelspringer.com
Ab 1961/62 entstehen die Bilder der „Ge-Hinnom“-Serie, benannt nach jenem Ort in der Unterwelt, an dem ewige Finsternis herrscht. Sie sind bildgewordene Apokalypse, wo aber stets die Hoffnung auf einen Neuanfang in Form von Licht und goldschillernden Splittern mitschwingt. Parallel dazu arbeitet Robert Piesen am Zyklus „Räume der Inexistenz“. Beide Zyklen durchdringen und bedingen einander. Die großen Themen, die den Künstler beschäftigen, können nicht in einem einzigen Bild abgehandelt werden, das Serielle ist Grundvoraussetzung. Auffallend ist die Pastosität vieler Arbeiten, hier nutzt er die Farbmaterie nicht nur als Möglichkeit, „existentielle Skepsis und Angst zu exponieren“, sondern empfindet sie „als grundlegende Urmaterie, als Erinnerungsträger“ (Piesen, Ausstellungskatalog, S. 25).

1965 kehrt Piesen von einer Reise nach Zürich anlässlich einer Ausstellung seiner Werke nicht mehr nach Tschechien zurück. Nach einem kurzen Aufenthalt in Wien, wohin er später immer wieder zurückkehren wird, emigriert er nach En-Hod in Israel. Das kleine Künstlerdorf südlich von Haifa am Fuße des Karmelgebirges wird ihm wie zahlreichen anderen Malern ab 1965 zur zweiten Heimat. Hier verbringt auch Arik Brauer seit den frühen 1960er Jahren mit seiner Familie die Sommermonate.

Anfang der 1970er Jahre setzt eine neue Entwicklung mit gelösterer Ornamentstruktur ein, die Bilder gewinnen an Leichtigkeit und Luftigkeit. Sie sind nicht mehr hermetisch in sich verschlossen, sondern verzahnen sich nun mit dem Umraum, sind nicht mehr nur Durchblicke in eine geheimnisvolle Tiefe, sondern treten in Kontakt mit dem Betrachter. Sie verweisen auf den Umraum, überschreiten die Begrenzung der Bildfläche.

Robert Piesen versteht seine Bilder als Orte, an denen Naturkräfte tätig sind, an denen Licht und Dunkel in Widerstreit miteinander treten. So sind die Oberflächen, komplexe Mischtechniken kombiniert mit Emaille, von der unglaublichen Energie einer vibrierenden Stofflichkeit geprägt. Sie wirken wie Kraterlandschaften, Kartografien des Werdens und Vergehens, Zeugen der Entstehung neuen Lebens, wo ein inneres Leuchten zaghaft, dann immer vehementer an die Oberfläche drängt. Es sind Bilder als „Kraftfelder, in denen Materie, Raum und Zeit von der Energie des Lichts aktiviert werden“ (Piesen, Ausstellungskatalog, S. 26).

(Sophie Cieslar)