Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

17. Dezember 2020, 14:00 Uhr

1315

Egon Schiele

(1890, Tulln - 1918, Wien)

„Liegende recto, Zwei Liegende in Umarmung verso“
1914
schwarze Kreide auf Papier
47,9 x 31,7 cm
Liegende mit Sammlungsstempel Heinrich Böhler Nr. 27 rechts unten sowie von fremder Hand bezeichnet

Provenienz

ehemals Sammlung Heinrich Böhler;
seit den 1920er Jahren durch Erbfolge in österreichischem Privatbesitz

Das gegenständliche Blatt wurde von Jane Kallir im Original begutachtet, die bestätigt, dass es sich ihrer Meinung nach bei beiden Zeichnungen um eigenhändige Arbeiten Egon Schieles handelt. Beide Zeichnungen werden mit den Nummern D. 1584a (Liegende, recto) und D. 1568b (Zwei Liegende in Umarmung, verso) in die in Vorbereitung befindliche digitale Ergänzung ihres Werkverzeichnisses "Egon Schiele: The Complete Works Online" aufgenommen.
Ein Fotozertifikat von Jane Kallir liegt bei.

€ 235.000

Als im Herbst 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, wird Egon Schiele wegen seiner eher schwachen körperlichen Verfassung für untauglich befunden und kann sich weiterhin intensiv der Kunst widmen. Im In- und Ausland beteiligt er sich an zahlreichen Ausstellungen. Trotzdem ist Schieles finanzielle Situation teils prekär. Das ändert sich, als der Kunstsammler Heinrich Böhler über Vermittlung Josef Hoffmanns Schiele kontaktiert und bei ihm Malunterricht nimmt. Heinrich Böhler, dessen Familie die Stahl produzierenden Böhler-Werke besitzt, sollte in den folgenden Jahren zu einem bedeutenden Förderer und Sammler von Schieles Kunst werden. Böhler unterstützt Schiele sogar mit einer monatlichen Rente, nachdem dieser im Juni 1915 zum Militär einrücken muss. Das vorliegende Blatt, das auf einer Seite die Zeichnung eines liegenden Aktes und auf der anderen zwei Frauen in Umarmung zeigt, befand sich ehemals in der Sammlung Heinrich Böhler.

1914, in dem Jahr, in dem der Künstler auch seine spätere Frau, Edith Harms, kennenlernt, kommt es zu einer prägnanten Entwicklung in Schieles Zeichenstil in Richtung Geometrisierung. Mit stark reduzierten Formen und einer unvergleichbaren Sicherheit in der Führung des Zeichenstiftes gelingt es Schiele, seine Figuren zu charakterisieren. Wenige geometrisierende Striche genügen, um Augenbrauen, Wimpern und den Schwung von Nase und Lippen der "Liegenden" auf der Vorderseite des vorliegenden Werkes zu beschreiben. Einzelne Kringel verdichten sich bei den Haaren im Kopf und Achselbereich. Die Haltung der Frau mit den angewinkelten Beinen, dem leicht nach rechts liegenden Kopf und den ausgestreckten Armen wirkt manieriert, ist im Querformat jedoch noch als liegende Positon lesbar. Mittels der durch die Signatur vorgegebenen Drehung des Blattes vom Quer- in ein Hochformat wird die Irritation allerdings bewusst gesteigert und die Figur in einen raumlosen Schwebezustand versetzt. Mit äußerster kompositorischer Strenge wird die "Liegende" auf der neutralen Fläche dezentralisiert und im rechten Winkel in das Bildformat eingespannt - die Umrisslinien des Körpers folgen den Orthogonalen der Blattränder.
Eine ebenso rigorose Komposition liegt der Zeichnung der beiden Frauen in Umarmung zugrunde, die Schiele rückseitig auf dem Blatt wiedergibt. Auch wenn die Zeichnung mit Schwung und Leichtigkeit hingeworfen erscheint, sind die Körper der Liebenden exakt entlang der Bilddiagonale platziert. Durch die geometrische Schematisierung von Augen, Augenbrauen, Nase und Mund bleiben die Gesichtszüge anonymisiert. Die Kontur der Figuren wird mit langen Linien umrissen, während die Binnenzeichnung viele kürzere, auch quergestellte Striche und Kringel zeigt, die Räumlichkeit schaffen.
(Claudia Mörth-Gasser)