Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

04. März 2020, 17:00 Uhr

0609

Bruno Gironcoli*

(Villach 1936 - 2010 Wien)

„o.T.“
Aluminiumguss
Höhe 54 cm, Durchmesser ca. 73 cm
Signiert und nummeriert: Gironcoli 2/5 E.A.

Provenienz

Privatsammlung, Wien

€ 22.000

Bruno Gironcoli hat wie sein Vorgänger an der Akademie der bildenden Künste in Wien, Fritz Wotruba, nachfolgende Generationen von jungen Künstlern geprägt. Sein wohl berühmtester Schüler Franz West lobte seinen Unterrichtsstil: „Einen sensibleren Unterricht kann es kaum geben, man wurde behandelt wie in einem Pflanzengehege, es wurde einem keine Meinung aufgeprägt, man konnte sich tatsächlich entwickeln.“ (http://www.basis-wien.at/avdt/avdt/htm/253/00058621.htm, abgerufen am 9.10.2017) Auch Hans Schabus, österreichischer Vertreter auf der Biennale di Venezia 2005, gehörte zu seinen Schülern. Mit der Übernahme der Leitung der Bildhauerschule ging auch die Benützung großer Atelierräume einher und somit die Realisierung großformatiger Werke.

"Eine Skulptur ist für mich Endpunkt eines Gedankenganges", erläuterte der "Künstler der Apokalypse" (Peter Weiermair, derstandard.at/1266541116959/Bruno-Gironcoli-1936-2010, abgerufen am 9.10.2017) einmal den Entstehungsprozess seiner auch im kleineren Format imposanten Objekte aus Kunststoff, Holz, Eisen und Aluminium. Eng miteinander verwachsen sind da die merkwürdigsten Formen Puppenköpfe, Embryos, Trauben, Ähren, Blätter, zusammengefügt auf merkwürdigen Apparaturen oder in Schüsseln und Buchten, wie in einer intergalaktischen Versuchsanordnung. Sie scheinen aus einer fremden, fernen Welt zu uns gereist und entspringen doch der Vorstellungswelt dieses hoch sensiblen Künstlers. Der Kunsthistoriker Armin Zweite spricht von einem „faszinierenden Amalgam aus utopischen Design und archetypischen Vorstellungen“ (Bruno Gironcoli, Gironcoli Museum. Kunst ist... Art is..., Katalog Schloss Herberstein, Buchberg 2006, S. 14).

Wie auf einer fliegenden Untertasse sitzen fünf kahle Köpfe mit geschlossenen Augen auf gerippten Schläuchen, fest in Aluminium gegossen scheinen sie doch hin- und herpendeln zu können, eine eingefrorene Beweglichkeit, die Momentaufnahme eines Perpetuum mobile. Auf ihren Köpfen tragen sie kopfhörerähnliche Apparaturen, die sich seitlich und am Scheitel in die Schädel bohren. Dem versonnenen Gesichtsausdruck nach, scheinen sie lauschend der Welt entrückt. Quer über die Schale, aus deren Rand die nabelschnurähnlichen Halsschläuche entspringen, läuft eine vielgliedrige Form, die einerseits an eine Kornähre erinnert, aber auch an fossile Trilobiten. Diese der Natur verhaftete aber im Metall erstarrte Form steht im Kontrast zur technoiden Anmutung der restlichen Skulptur. Was dabei zählt ist aber im skulpturalen Sinne die „formale Evidenz der Dinge, gesteigert und akzentuiert durch die Absurdität oder Skurrilität ihres Arrangements“ (Katalog Schloss Herberstein, S. 16). Bekanntes wird fremdartig, Vertrautes erscheint bedrohlich. Bruno Gironcoli taucht mit seinen Skulpturen in fremde Galaxien und gleichzeitig in die Abgründe der menschlichen Seele. Dabei bringt er Dinge zum Vorschein, die uns fremd und gleichzeitig seltsam vertraut erscheinen. (Sophie Cieslar)