Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

04. Dezember 2019, 16:00 Uhr

0770

Andy Warhol*

(Pittsburgh 1928 - 1987 New York)

„Electric Chair Portfolio (10-teilig)“
1971
Siebdruck auf Papier; gerahmt
91,5 x 123 cm
Rückseitig jedes Blatt signiert und datiert: Andy Warhol 71
Rückseitig nummeriert: A.p. XXXIV/L
Edition: 250 + 50 AP
Printer: Silkprint Kettner, Zürich, Schweiz
Publisher: Bruno Bischofberger, Zürich, Schweiz

Provenienz

erworben 2015 Galerie Bruno Bischofberger, Schweiz;
seither Privatsammlung, Schweiz

Literatur

Frayda Feldman und Jörg Schellmann, Andy Warhol Prints. A Catalogue Raisonné 1962-1987, 3. Aufl., New York, 1997 Nr. II.74-83, Abb. S. 74-75.

 € 180.000

Das Motiv des elektrischen Stuhls verwendet Andy Warhol erstmals in seiner Serie „Death and Disaster“ 1964. In den 1950er Jahren einer der begehrtesten Werbedesigner New York Citys, strebt Warhol Anfang der 1960er-Jahre eine Künstlerkarriere an. Heute gilt Warhol als Pop-Art-Ikone und zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts.
Warhols Werk zeichnet sich aus durch die Reproduktion und Vervielfältigung populärer und kommerzieller Motive – neben Konsumgütern und Alltagsgegenständen waren es vor allem Porträts berühmter Persönlichkeiten, sowie Szenen aus der medialen Berichterstattung, die er provokant zu Kunst erhob. Als Vervielfältigungsmethode diente ihm die zuvor allein der Gebrauchsgrafik vorbehaltene Technik des Siebdrucks.

1962 ruft Warhol seine „Factory“ ins Leben – mehrere Ateliers in New Yorker Fabrikhallen. Dort produziert er unter enger Beteiligung seiner Mitarbeiter Kunst wie am Fließband. Im Jahr der Factory-Gründung soll der Kurator Henry Geldzahler den Künstler zu einem neuen Themenkomplex animiert haben, deren bewegendstes Herzstück die „Electric Chairs“ werden sollten. Warhol ewähnt später folgende Episode: “We were both having lunch one day in the summer […] and he laid the Daily News out on the table. The headline was '129 die in jet', and that's what started me on the death series - the Car Crashes, the Disasters, the Electric Chairs” (Andy Warhol)

Für seine „Death and Disaster“-Serie verwendet Warhol schockierende Bilder aus der Klatschpresse mit starker Anziehungskraft. Die Fotografie des elektrischen Stuhls, die Warhol in Gemälden und in Drucken verarbeitet, stammt aus dem Jahr 1953 und wird unmittelbar nach der Exekution des vermeintlich russischen Spionagepaares Julius und Ethel Rosenberg im Sing Sing Gefängnis im Staat New York von der Presse veröffentlicht. Warhol greift das Motiv zehn Jahre später zu einem Zeitpunkt auf, als die Frage der Todesstrafe heiß diskutiert wird, und das Sing Sing Gefängnis seine letzte Exekution ausführt.
In den 1960er Jahren zeigt Warhol in seinen Arbeiten das unbeschnittene Pressefoto. Zu sehen ist die Hinrichtungskammer mit drei Türen. 1971, als Warhol Portfolios seiner besten Arbeiten herstellen lässt, wird der „Elektrische Stuhl“ erneut gedruckt und ein engerer Bildausschnitt gewählt, der den Tatort abstrahiert. Warhol führt uns mit seiner Arbeit sehr direkt den Zustand der Gesellschaft vor – ihr Hang zum Voyeurismus, zur Sensationslust und ihre Ängste.
Die poppigen Farben kontrastieren das düstere Sujet, rücken die Realität wohl in die Ferne, jedoch gleichzeitig auch ins Banale. Die Farbigkeit steigert die Dramatik, unterstreicht die Absurdität der Hinrichtung und ästhetisiert sie ebenso. Buchstäblich strahlend wirken die in gleißendes Licht getauchten, invertierten Versionen des elektrischen Stuhls. In einem der Drucke ist der Hintergrund gestisch mit Pinselstrichen bearbeitet, was in den darauf folgenden Siebdruck-Serien der 1970er und 1980er Jahre zunehmend häufiger auftritt. (Vgl. hierzu: Donna de Salvo in: Andy Warhol Prints. A Catalogue Raisonné 1962-1987, München 1997, S.22) (Isabell Kneidinger)