Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

17. Juni 2019, 16:00 Uhr

0453

Albin Egger-Lienz

(Stribach bei Lienz 1868 - 1926 St. Justina bei Bozen)

„Kopf des mittleren Bauern aus "Das Tischgebet"“
um 1921/23
Öl auf Malkarton
34,5 x 27 cm
Signiert links unten: Egger Lienz

Provenienz

vom Großvater des jetzigen Eigentümers direkt beim Künstler erworben;
seither in Familienbesitz, deutscher Privatbesitz

Gutachten von Dr. Carl Kraus, Innsbruck, 25.04.2014, liegt bei.

€ 100.000

In seiner letzten Schaffensphase nach dem Ersten Weltkrieg findet Egger-Lienz zum großen kontemplativen Stil der „Gedankenbilder“: von „Mütter“ und „Tischgebet“ über „Christi Auferstehung“ und „Die Familie“ bis hin zum großartigen Schlusspunkt „Pietà“. Gleichsam die Bilanz seiner bisherigen Lebensarbeit ziehend, verschmelzen nun Expression und Wirklichkeitsnähe, Statik und Bewegung, räumlich-plastische Formgebung und malerischer Luminarismus zu einer neuen Einheit. Neben den späten Kriegsbildern stellen diese Werke den zentralen Beitrag von Egger-Lienz zur Kunst der frühen Moderne in Österreich dar.
Wie stets in seinem Schaffen nähert sich der Maler auch dem „Tischgebet“ in diversen Skizzen und Einzelstudien. Der im Werkverzeichnis von W. Kirschl angeführten Studie M 527 (1920/21) nahestehend, wirkt der vorliegende „Kopf des mittleren Bauern“ im Verhältnis zu dieser im Ausdruck noch forcierter (man beachte den offenen Mund und die Streckung des Gesichts) und zählt darüber hinaus zu den eindringlichsten „Köpfen“ im Gesamtwerk des Künstlers.
Das von einem Bart gerahmte Haupt ist leicht zur Seite geneigt, die Augen sind geschlossen, der Mund ist geöffnet, denn es kommt dem alten Bauern zu, das Tischgebet zu sprechen. Mit sparsamsten Mitteln ist die Figur fixiert. Malerisch-pastoser Farbauftrag, prägnante Licht-Schattenmodellierung und auf Ocker- und Brauntöne reduziertes Kolorit – alles der neu entwickelten expressiv gehärteten Bildsprache untergeordnet – vermitteln geradezu beispielhaft die ganz auf das Wesentliche konzentrierte Auffassung, zu der Egger-Lienz in seinem späten Schaffen gelangt ist: „Meine Bilder von heute sind noch gußhafter, konzentrierter“, schreibt Egger-Lienz seinem Freund Otto Kunz im Dezember 1921 in diesem Sinne. „Ein Tischgebet, das solltest Du sehen, Giotto, doch ohne Beziehung zu dem Künstler (denn fast nicht stilisiert), rein durch Einheit in der Fassung so geworden.“
Eingebunden in sein schicksalsgeprägtes Dasein, erscheint die Gestalt wie entrückt, wie nicht mehr von dieser Welt, Ausdruck nicht nur der Innerlichkeit des späten Egger-Lienz sondern auch einer allgemeinen bäuerlichen Wesensbeschaffenheit: „Religiosität im strengsten Sinne wendet das Empfinden für weltläufige und in diesem Sinne bestehende Ordnungen zu einer gewissen außerweltlichen Insichgekehrtheit. Daher oft das scheue Wesen der Bergbewohner dem Weltmanne gegenüber, was so durchwegs wie Mißtrauen, Verschloßenheit oder gar Beschränktheit genommen wird!“ (Egger-Lienz, undatierte Bleistiftnotiz) (Carl Kraus)