Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

18. Juni 2019, 15:00 Uhr

0996

Hans Staudacher*

(St. Urban 1923 - 2021 Wien)

„Raum zum Träumen (Tryptichon)“
1984
Öl auf Leinwand; ungerahmt
je 200 x 185 cm, gesamt 200 x 555 cm
Der mittlere Teil ist unten signiert: H. Staudacher
Der rechte Teil ist unten datiert: 1984
Rückseitig signiert, bezeichnet und datiert: H. Staudacher "Raum zum Träumen" 1984
Zwei Leinwände sind rückseitig signiert und datiert am Keilrahmen: H. Staudacher 1984

Provenienz

1986 direkt vom Künstler erworben;
seither österreichischer Privatbesitz

€ 50.000

Hans Staudacher betrachtet Kunst als Freiraum – und verdeutlicht dies nicht zuletzt durch seine spontane und offene Malweise. Die Malerei fungiert für Staudacher als Resonanzkörper seiner Befindlichkeiten und Stimmungen, und sie kann als Kommunikationsmittel und als Projektionsangebot verstanden sein. Das großflächige, über fünf Meter lange Triptychon „Raum zum Träumen“ von 1984 bietet dem Betrachter ganz konkret eine Raumdimension an, um sich der Träumerei und der Versenkung zu widmen. Beispielhaft sind hier Staudachers Weltempfinden und sein Wertesystem verankert.
In „Raum zum Träumen“ dominieren neben Schwarz und Grau, die den Blick in die Tiefe führen, Weiß – und Blau, das historisch und kulturspezifisch Ferne, Raum, Freiheit, Ruhe oder Melancholie symbolisiert und auch auf das Unbewusste verweist. Vertikal ausgerichtete Farbspuren, sowie spiral- und kreisförmige Linienstrukturen wirken der horizontalen Ausrichtung des Triptychons entgegen, sodass ein ausbalancierter Gesamteindruck entsteht. Räumliche Tiefe erzeugt Staudacher, indem er Farbmaterie in mehreren Schritten auf die Bildfläche aufträgt und die Malerei infolge immer weiter verdichtet. Er schichtet die Farben und legt anschließend kalligrafische Zeichen darüber. Mit dieser dem Informel zuzuordnenden Bildsprache vertritt Staudacher eine singuläre Position in der österreichischen Kunst. Die Kombination gestischer, expressiver Pinselstriche und skripturaler Elemente steht dem Graffito nahe, den Drip Paintings Jackson Pollocks oder auch den gewebeartigen Kritzeleien Cy Twomblys.
Akzentuiert platziertes Pinsel-Stakkato, rotzige Farbkleckse und ein nachvollziehbar impulsiv-kraftvoller Pinselgestus, der pulsierende Farbspuren hinterlässt, bilden die stimmige Summe Staudachers lebendig-bewegter Bildkompositionen. Entgegen der zahlreich übereinander aufgetragenen Zeichen und Pinselgesten wirken seine Arbeiten allerdings nie überladen. Wiederholt spart der Maler Elemente der Bildfläche von seiner Bearbeitung aus und schafft Transparenz, Leichtigkeit und Raum zum Atmen. Die offene Struktur seiner Komposition ermöglicht ein Weiterdenken und -träumen über den Bildrand hinaus, geistige und sinnliche Erfahrungen in jede Richtung. (Isabell Kneidinger)