Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

30. November 2018, 17:00 Uhr

0008

Wilhelm Thöny*

(1888, Graz - 1949, New York)

„Die schönen Künste (Triptychon "Die Künste: Das Konzert")“
um 1925
Öl auf Leinwand
180 x 265 cm
Signiert rechts unten: W. Thöny

Provenienz

ehemals Theatercafé Thalia Graz;
Privatbesitz, Italien;
österreichischer Privatbesitz

Ausstellung

2013 Graz, Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum, Wilhelm Thöny. Im Sog der Moderne, 24. Mai - 22. September, Tafel 67

Literatur

Christa Steinle / Günther Holler-Schuster (Hg.), Wilhelm Thöny. Im Sog der Moderne, Ausst.-Katalog Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum, Graz 2013, WV-Nr. 156, Tafel 67 sowie Abb. S. 410

Limit € 250.000

1923 kam Wilhelm Thöny aus München zurück nach Graz. In München hatte er Malerei studiert – ab Herbst 1908 an der Akademie der bildenden Künste. In seiner Heimatstadt angelangt intensivierte er sofort sein ohnehin schon reges Vereinsleben und seine aktive Tätigkeit im kulturellen Bereich der Stadt. Das gipfelte im selben Jahr noch in der Gründung der Grazer Sezession. In Graz war man in den aufgeschlossenen und fortschrittlichen Kreisen der Künstlerschaft, die sich zuvor schon um den „Werkbund Freiland“ gebildet hatte, sehr froh über Thönys Entscheidung nach Graz zurückzukommen. Thöny selbst hielt die Lage und das kulturelle Klima in Graz damals für geeignet, um hier erfolgreich arbeiten zu können. Er liebte die Stadt über alles, war aber gleichzeitig mit München und dem Umkreis der dortigen „Neuen Secession“, weiterhin sehr verbunden. Er beteiligte sich hier wie dort rege an Ausstellungen.
Die Sezession in Graz war ein sehr heterogener Zusammenschluss. Nicht nur bildende Künstler waren darin vertreten. So war beispielsweise der Schriftsteller, Kunsttheoretiker, Kunstjournalist und spätere Staatssekretär Ernst Fischer Sezessionsmitglied. Genauso waren das der Lyriker Hans Leifhelm und der expressionistische Dichter Theodor Sapper. Aber auch der Komponist Artur Michl sowie der Regisseur und Schauspieler Karl Drews waren Mitglieder der Grazer Sezession. Die Sezession war weltanschaulich nicht festgelegt, was zu einem ständigen Spannungsverhältnis zwischen den konservativen – später sehr rechts orientierten Kräften – und den fortschrittlichen, eher der Moderne verpflichteten Vertretern führte. Thöny, durch seine kosmopolitische Haltung ein vehementer Vertreter der Moderne, hielt sich aus der ideologischen Debatte innerhalb der Grazer Sezession weitgehend raus. Vielmehr trachtete er seine Kunst weiterzubringen, zu internationalisieren und auf diesem Wege auch für die Grazer Kollegenschaft Tore aufzustoßen. Das gelang bedingt. Er war sicher ein bedeutender Motor in Graz zu dieser Zeit, war aber kaum ein Jahrzehnt später schon in Paris, von wo aus er 1938 dann weiter nach New York ging. All das war nicht so geplant. Der Parisaufenthalt sollte nicht so lange dauern und New York, ein Ort, von dem er seit seiner ersten Reise dorthin 1933 fasziniert gewesen ist, sollte auch nicht der Ort werden, an dem er für immer bleiben sollte. Die politischen Entwicklungen, die unaufhaltsam in den Krieg führten, und das nationalsozialistische Regime, das an Unmenschlichkeit kaum zu überbieten war, bildeten die Basis für seine Beweggründe, nicht mehr nach Graz zurückzukehren.
Zuvor aber, wie eingangs erwähnt, war Thöny in dieser Stadt sehr aktiv und hinterließ deutliche Spuren. Er war beispielsweise an mehreren Wettbewerben für öffentliche Ausstattungsaufträge beteiligt. So zum Beispiel für die Handels- und Gewerbekammer der Steiermark in Graz. Dort beteiligte er sich am Wettbewerb mit einem Entwurf für ein allegorisches Bild – der Entwurf befindet sich heute in der Neuen Galerie in Graz – für den großen Sitzungssaal. Paul Schmidtbauer, Ferdinand Pamberger, Alfred Schrötter-Kristelli und Norbertine Bresslern-Roth waren die übrigen Teilnehmer – letztere gewann.
Auch die Darstellung der „Schönen Künste“ war ein Ausstattungsbild. Gemeinsam mit zwei weiteren Darstellungen – „Das Schauspiel“ und „Die Oper“ – bildete es ein Triptychon für den Veranstaltungssaal im Café-Restaurant der Thalia, in dem die Grazer Szession ihre großen Sitzungen, Lesungen und Vorträge abhielt. Der hier zur Disposition stehende Mittelteil dieses heute in unterschiedlichem Privatbesitz verteilten Triptychons stellt erneut eine Bühnenszene dar, in der ein Kavalier einer Dame offenbar den Hof macht, während ein Geiger auf der Stufe sitzt und spielt. Durch das Instrument wird die Musik gleichsam als zusätzliche Kategorie ins Spiel gebracht. Ob die Szene nun eher dem Konzert oder der Oper zuzuordnen ist, bleibt offen. Jedenfalls aber tritt der Künstler selber prominent auf der rechten Seite des Bildes in Erscheinung. Selbstbewusst, sowohl das Geschehen im Bild festhaltend als auch selbst als Maler Teil der Künste zu sein, zeigt sich Wilhelm Thöny in dem Bild an der Staffelei, im weißen Mantel mit Pinsel und Palette. Thöny war ein begeisterter Besucher von Konzerten, Opern und Liederabenden sowie des Theaters. Sein Bruder Herbert war Sänger (Bass-Bariton) an der Grazer Oper. Außerdem reichten seine eigenen kreativen Möglichkeiten weit über die des Malers hinaus. Wilhelm Thöny spielte ausgezeichnet Klavier und hatte eine überdurchschnittliche Begabung zum Singen. Sein absolutes Gehör half ihm schon in sehr jungen Jahren bei der Ausbildung beider Disziplinen. Somit war Thöny mit den Künsten allgemein eng verbunden und die Darstellung der Künste hier wird gleichsam zu einem erweiterten Selbstportrait des Künstlers. Nicht nur, dass er sich im großen Mittelteil des Triptychons selbst darstellt, auch in den Seitenteilen scheint sich der Künstler erneut als Mann mit Zylinder selbst ins Bild zu bringen.
Der Mittelteil strahlt in einer bunten Farbigkeit, was eher unüblich ist für Thöny in dieser Zeit. Die Portraits, Landschaften und Städtebilder dieser und der unmittelbar darauffolgenden Periode wirken oft düster und scheinen sowohl die politische Entwicklung vorauszuahnen, wie sie auch das persönliche Schicksal des Künstlers prognostisch vorwegzunehmen bzw. anzudeuten scheinen. „Die schönen Künste“ erscheinen wie Hoffnung und Zuversicht für den Künstler. Beides sah Thöny ausschließlich in den Künsten. Beethoven beispielsweise sollte für Thöny ein lebenslanger Begleiter bleiben, der auch immer wieder in unterschiedlicher Weise in vielen seiner Gemälde und Zeichnungen vorkommt. Er identifizierte sich sogar mit dem Komponisten. Thöny war gerade in der Zeit um 1925, als dieses Gemälde entstand, sehr intensiv mit dem Klavierspiel beschäftigt, gab semiprivate Liederabende und übte regelmäßig. Aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen geht hervor, dass er damals besonders viele für ihn bedeutende Konzert- und Opernerlebnisse in Graz hatte.
So eindeutig das Bild „Die schönen Künste“ auch ein Ausstattungsbild sein mag und formal Teil eines Triptychons ist, besteht doch kein Zweifel, dass es sich dabei um ein sehr dichtes und bis zu einem gewissen Grad auch mysteriöses Bild handelt. Es wirkt sehr heraldisch und statisch, verrät aber sehr viel von der Malerei, die Thöny danach pflegen sollte. Die Leichtigkeit des Farbauftrages, die oft an die Luftigkeit des Aquarells erinnert, fehlt hier noch zu Gunsten eines kompakten und fast tektonischen Farbauftrags und Bildaufbaus. Doch kann man im Hintergrund schon den typischen Thöny-Himmel erahnen, der später oft nur mehr in ein, zwei markanten Pinselstrichen bestehen sollte. Das Bild ist ohne die Seitenteile ohne weiteres lesbar. Es hat wie diese eine scheinbar abgeschlossene Geschichte zum Inhalt – zumindest aber keine, die den Betrachter ratlos hinterlässt. Außerdem ist es auch das mit Abstand größte Gemälde, das wir von Wilhelm Thöny kennen.
So scheint er in diesem Bild eine positive Sicht auf die Welt des Künstlers als kulturelles Wesen geben zu wollen. In diesem Kontext fühlte er sich am wohlsten, dieser war orts- und zeitunabhängig, das war sein Lebensraum – sein Glück und seine Sehnsucht zugleich.
(Günther Holler-Schuster)